Bewerbung für SPD-Vorsitz : Böhmermann: Bin jetzt SPD-Mitglied – doch die Partei zweifelt

Der Satiriker Jan Böhmermann bewirbt sich nach eigenen Worten mit der Kampagne #neustart19 um den SPD-Parteivorsitz.
Der Satiriker Jan Böhmermann bewirbt sich nach eigenen Worten mit der Kampagne #neustart19 um den SPD-Parteivorsitz.

Satiriker Jan Böhmermann will nach eigenen Worten SPD-Chef werden. Willy Brandt sei ihm im Traum erschienen.

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29. August 2019, 22:05 Uhr

Berlin/Köln | Der TV-Satiriker Jan Böhmermann hat nach eigenen Worten die SPD-Mitgliedschaft in Köthen (Sachsen-Anhalt) erhalten – der SPD-Landesverband allerdings widerspricht. "Ich danke meinem neuen Ortsverein Köthen für die schnelle und skrupellose Bestätigung meiner Mitgliedschaft in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands", schrieb der 38-Jährige am Samstag auf Twitter. "Der #Neustart19 der deutschen Sozialdemokratie geht von Sachsen-Anhalt aus!", fügte Böhmermann hinzu mit Blick auf seine am Donnerstagabend erstmals öffentlich geäußerten Ambitionen, sich in letzter Minute vor Bewerbungsschluss um den SPD-Vorsitz zu bewerben.


Der Sprecher der SPD Sachsen-Anhalt, Martin Krems-Möbbeck, bestätigte der Deutschen Presse-Agentur zwar, dass Böhmermann aufgenommen wurde. Er erklärte jedoch, dass dies formal nicht ausreiche, weil Böhmermann nicht in Köthen wohne. Es gebe zwar Ausnahmemöglichkeiten, wenn beide Kreisverbände – also in diesem Fall Köthen und der Kreisverband des Heimatortes – beteiligt seien. Nach bisherigem Kenntnisstand seien die zuständigen Sozialdemokraten an Böhmermanns Heimatort Köln aber nicht involviert gewesen. "Deswegen ist die Aufnahme derzeit unwirksam."

Die Uhr tickt

Der Komiker hatte am Donnerstagabend seine Kampagne #neustart19 begonnen. Kritiker zweifeln allerdings an der Ernsthaftigkeit der Aktion. Selbst wenn Böhmermann Mitglied sein sollte, hat er noch einige Hürden auf dem Weg zum SPD-Vorsitz zu überwinden: Förmliche Voraussetzung einer Kandidatur ist die Unterstützung von mindestens fünf Unterbezirken, einem Bezirk oder einem Landesverband. Die Abgabefrist für Bewerbungen um den SPD-Vorsitz – bevorzugt als Doppelspitze von Mann und Frau – läuft am Sonntag um 18 Uhr ab.

"Jetzt geht es weiter: Wir brauchen eine mehr oder weniger qualifizierte Mitkandidatin (...) und dann noch die formell gültige Unterstützung der 5 Unterbezirke", schrieb Böhmermann daher am Samstag. Der in der SPD gut vernetzte frühere Sprecher des Parteivorstands, Tobias Dünow, der schon am Freitag mit Vorwürfen auf Böhmermanns Vorstoß reagiert hatte, konterte am Vormittag: "Der übernächste Akt ist so absehbar: Böhmermann wird sich über Partei-Bürokraten empören, die kurz vor dem Untergang noch auf die Statuten verweisen. Und ganz Twitter wird lachen."


Böhmermann hatte am Donnerstagabend in seiner Sendung "Neo Magazin Royale" (ZDFneo) erstmals erklärt: "Ich, Jan Böhmermann, möchte Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands werden." Der Satiriker fügte später hinzu: "Ich bin Demokrat. Wenn ich jemanden sehe, der so derart am Boden liegt – egal ob das jetzt ein Penner ist, der im Kontoauszugsraum bei der Deutschen Bank liegt, besoffen in der Kälte – dann hole ich den natürlich da raus und rufe einen Krankenwagen. Das ist so meine DNA. Und so bin ich natürlich auch im Politischen." Einige SPD-Politiker reagierten im Netz mit humorvollen Kommentaren – zugleich löste der Vorstoß in der Partei, die seit Monaten in einer Krise steckt, aber auch viel Unmut aus.


Der Komiker startete zeitgleich im Internet eine Kampagne unter dem Hashtag "#neustart19".

Unterbezirke sollen schon bereit stehen

Der ZDFneo-Moderator hat nach eigener Darstellung schon vier der fünf nötigen Unterbezirke hinter sich. Sie hätten ihm ihre Unterstützung zugesichert, sagte er in einer Online-"Bürgersprechstunde". Böhmermann nannte keine Namen. Es gibt deutschlandweit 393 Unterbezirke der Partei.

Böhmermanns Zeitplan gilt in der SPD als "sehr sportlich", wie zu hören war. Wie ernst er es meint, ist weiterhin unklar. "Ob das Satire ist oder nicht, entscheidet sich am Sonntag um 18 Uhr." Wenn er antreten dürfe, werde er weitermachen, sagte er.


Der SPD-Wahlvorstand hat bisher bei sieben Kandidatenduos die nötige Unterstützung anerkannt. Dies sind: Finanzminister Olaf Scholz und die Brandenburger Landtagsabgeordnete Klara Geywitz; Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius und Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping; Europa-Staatsminister Michael Roth und die nordrhein-westfälische Ex-Familienministerin Christina Kampmann; die Bundestagsabgeordneten Karl Lauterbach und Nina Scheer; die Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission, Gesine Schwan, und der stellvertretende Parteivorsitzende Ralf Stegner; Flensburgs Oberbürgermeisterin Simone Lange und Alexander Ahrens; die Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis und der Verdi-Chefökonom Dierk Hirschel.


In seiner "Bürgersprechstunde" in den sozialen Netzwerken ging Böhmermann auch auf sein Konzept ein. Auf die Frage, ob er sich eine Zusammenarbeit mit Youtuber Rezo vorstellen könne, sagte er, er wolle die SPD nicht zerstören, sondern aufbauen. Außerdem sprach er sich zum Beispiel für diverse Investitionen aus: "Wenn wir unseren Kindern schon eine kaputte Erde hinterlassen, dann wenigstens mit gesunden Brücken." Gehe es nach Böhmermann sollte Cannabis legalisiert werden, Welpen und E-Scooter dagegen verboten sein.

Gemischte Reaktionen – Kritik und Augenzwinkern

Flensburgs Oberbürgermeisterin Simone Lange begrüßt Böhmermanns Entscheidung "für die SPD", wie sie auf Twitter kundtut. Lange kandidiert selbst mit ihrem Bautzener Amtskollege Alexander Ahrens um den SPD-Vorsitz.


Karl Lauterbach, der sich ebenfalls für den SPD-Vorsitz bewirbt, gratuliert Böhmermann und seinem Team und wünscht ihnen den zweiten Rang:


SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil gibt Böhmermann einen wichtigen Hinweis:


Die Jusos knüpfen ihre Unterstützung an eine Gesangseinlage des Satirikers. Er solle die Internationale, das Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung, anstimmen:


Juso-Chef Kevin Kühnert kommentierte auf Twitter das Video von Böhmermanns Bewerbungsrede. "Es fehlen noch AWO-Tischdecke und IG Metall-Cap, dann könnten die ersten Unterbezirke weich werden. Tipp: Mehr Willy Brandt-Zitate nutzen."


Satiriker unter sich: Europaabgeordneter Nico Semsrott von Die Partei begrüßte Böhmermann auf Twitter, als sei dieser schon gewählt worden:


Um Inhalte geht er der Klimaschutzbewegung Fridays for Future. Sie schlägt Böhmermann ihre Agenda für sein SPD-Programm vor. Böhmermann gefällt's: "Alles andere wäre unverantwortlich."



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