Interview mit Uwe Kokisch : Der ewige Commissario

uwe kockisch imago future image

Uwe Kockisch, die Lachtauben, Venedig und ein hartes Schicksal.

svz.de von
13. April 2019, 16:00 Uhr

Trotz seiner 75 Jahre ist Uwe Kockisch noch allgegenwärtig im deutschen Fernsehen. Am Montag gibt er im starken ZDF-Drama „So weit das Meer“ eine Glanzvorstellung, kommenden Donnerstag ist er in der 25. Donna-Leon-Verfilmung „Ewige Jugend“ in seiner Paraderolle als Commissario Brunetti zu sehen. Beim Gespräch in Berlin erzählt Kockisch, warum er um ein Haar kein Schauspieler geworden wäre und wie ihn die Liebe nach Madrid verschlagen hat.

Herr Kockisch, können Sie mir erklären, was Lachtauben sind?

Kennen Sie nicht? Lachtauben gibt es tatsächlich, aber Sie spielen sicher auf meinen Film „Lachtauben weinen nicht“ an.

Das war 1979 in der DDR Ihr erster großer Film.

Der hatte einen Moment, weshalb ich ihn unbedingt machen wollte. Der Film spielte in einem Stahlwerk, und da gab es eine Szene mit einem Streikaufruf – so etwas hatte es bis dahin in der DDR noch nicht gegeben. Aber dann wurde sie nicht gedreht und mir sagte man, das käme ja auch so schon mit dem bereits gedrehten Filmmaterial zum Ausdruck.

Man wollte die Szene also rauslassen?

Genau. Ich hab gesagt: Das mache ich nicht mit. So drehe ich nicht weiter. Man erklärte mir dann, was es kosten würde, wenn ich jetzt aussteige und dass ich diese Kosten tragen müsste. Was ich natürlich niemals hätte zahlen können. Ich war gezwungen weiterzudrehen.

Und?

Vor ein paar Jahren sprach mich jemand auf der Straße an und sagte: „Sie haben doch damals die Lachtauben gedreht – das war für mich ein Anstoß, ganz anders über die Gesellschaft nachzudenken.“ Ich fragte, was genau der Anstoß gewesen sei. Er sagte, na, die Sache mit dem Streik... Ich war irritiert und sah ihm lange nach.

Angefangen hatten Sie am Theater in Cottbus.

Da war ich als Schüler Statist. Später dann, als ich nach meiner Gefängnisstrafe wegen versuchter Republikflucht auf Arbeitssuche war – es gab in der DDR ja eine Arbeitspflicht – bin ich in zum Theater, habe den Verwaltungschef angesprochen und ihm alles erzählt aus meiner nicht gerade staatsfreundlichen Vergangenheit. Er hat mir zugehört, dann aber gesagt, er habe auch nichts, man suche lediglich einen Nachtpförtner. Aber das reichte mir ja.

Und dann wurden Sie Pförtner?

Ich wurde also Nachtpförtner und Hilfsgarderobier.

Wie kamen Sie dann zum Schauspiel?

Wenn ich den Nachtdienst als Pförtner hinter mir hatte, bin ich in den zweiten Rang – so, dass mich niemand von unten sehen konnte. Durch die Stühle hindurch habe ich dann den Schauspielern bei der Probe zugesehen – das fand ich spannend. Aber auf die Idee zu kommen, so etwas selbst zu machen, wäre für mich größenwahnsinnig gewesen.

Und dann hat der Größenwahn Sie doch gepackt?

Naja, ich habe einen Brief an die Schauspielschule in Berlin geschrieben und mich beworben.

Woraufhin die Dozentin Ihnen nach dem ersten Vorsprechen sagte: Kommen Sie nie wieder!

Ich fuhr zur Schauspielschule Berlin, der späteren Hochschule Ernst Busch, zum Vorsprechen, und da saß Doris Thalmer, eine große Schauspielerin vom Berliner Ensemble, rauchte Kette, hörte sich das an und sagte schließlich: „Komm bitte nie wieder. Raus. Der Nächste.“ Aber im Raum hatte auch ein Studentenvertreter gesessen, der hat mich draußen abgefangen und sagte: „Du warst gut.“ Er hat mir dann auch einen zweiten Termin verschafft und vor der Prüfung mit mir gearbeitet. Was ich aber auf keinen Fall sagen sollte.

Und dann hat’s geklappt?

Naja, ich komme rein – und wer sitzt da? Doris Thalmer. Und will wissen, mit wem ich gearbeitet hätte. Ich hab’s abgestritten, aber sie wollte immer wieder wissen: Mit wem hast du gearbeitet? Irgendwann ging sie raus und kam wieder rein mit einem Mann, der – wie sich nachher rausstellte – der Direktor der Schauspielschule war. Ich musste noch mal vorsprechen und dann draußen warten. Es dauerte und dauerte – bis der Direktor wieder rauskam, mich reinholte und fragte: Willst du ins erste oder ins zweite Studienjahr?

So gut waren Sie?

Das dachte ich auch – aber nicht lange. Der Hintergrund war: Ich hätte nach meiner Vorstrafe wegen der Fluchtgeschichte gar nicht immatrikuliert werden dürfen. Der Direktor wusste davon und wollte die Immatrikulation umgehen, indem er mich gleich ins zweite Jahr nimmt. Viele Jahre später habe ich dann erfahren, dass er sogar für mich gebürgt hat. Ich bin dann mit einer Flasche Cognac zu ihm gefahren, wir haben in seinem Sekretariat die Nacht durchgetrunken, er hat mir sein Leben erzählt und ich ihm meins. Ein ganz toller Mensch.

Ihr erstes Theaterengagement hatten Sie dann in Cottbus – wo Sie früher als Nachtpförtner und Aushilfsgarderobier gearbeitet hatten. Haben Sie heute noch Verbindungen nach Cottbus?

Na klar, mein Bruder Dieter lebt ja noch da. Überhaupt zieht es mich öfter wieder dahin, wo man geboren wurde und die Jugend verbracht hat.

Heute leben Sie in Madrid – wo Sie auch Ihre Frau kennengelernt haben.

Ein chilenischer Freund, der in der DDR im Exil am Maxim Gorki Theater Berlin mit mir als Autor und Regisseur gearbeitet hat, gründete Anfang der 90er-Jahre in Madrid ein Theater. Dadurch war ich eben oft in Madrid, und da haben mein Freund Victor und seine Frau Olga uns beide verkuppelt, was ich allerdings erst später erfahren habe. Meine Frau arbeitete damals in Madrid.

Wie das denn?

Naja, wir sind zusammen zu ihr gegangen, fahren mit dem Fahrstuhl hoch, die Tür geht auf... Eine Woche später war ich dann bei ihr, mittlerweile sind es zwölf Jahre.

Wer in Deutschland den Fernseher einschaltet, könnte meinen, Sie seien nie fortgegangen. Vor dem 25. Donna Leon sind Sie jetzt als Wolf Harms in „So weit das Meer“ zu sehen. Haben Sie sich über die Rolle gefreut?

Ja, ich hab mich gefreut, weil es eine konfliktreiche und vielschichtige Figur ist. Ich bin immer auf der Suche nach solchen Figuren, bei denen ich etwas entdecken kann, Typen zu spielen interessiert mich nicht. Diese Geschichte hat eine archaische Größe – Verlust und Rache, jemand, der dafür 15 Jahre im Gefängnis war.

Sie kennen dieses Gefühl, aus dem Gefängnis zu kommen, nachdem Sie wegen Republikflucht verurteilt worden waren.

Das ist kein Vergleich mit 15 Jahren Haft. Anfangs wusste ich nicht, wie ich die Dinge einschätzen sollte und wie man reagiert. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich zwei Möglichkeiten habe: Entweder sehe ich mich als Opfer, mache mein Leben kaputt oder aber ich befreie mich daraus, drehe es um und begreife es als Erfahrung.

Ist es hilfreich, wenn Sie in einer Rolle etwas von sich selbst wiederfinden?

Natürlich suche ich in mir – ich habe da durch mein Leben einen großen Fundus.

Auch die Unwahrscheinlichkeit des Schicksals von Wolf Harms, der 15 Jahre im Gefängnis saß, weil er den vermeintlichen Vergewaltiger seiner Tochter umgebracht hat – und dann erfahren muss, dass es der Falsche war?

Ich vertrete meine Figuren – möchte sie begreifbar machen. Stellen Sie sich vor, Sie werden geholt und da liegt Ihre Tochter in Form eines blutenden Stücks Fleisch. Sie ist nicht angefahren, sondern überfahren worden, wurde dann in den Wald gezerrt, liegengelassen und ist eigentlich schon fast tot. Und dann wird sie vergewaltigt. Das muss man erst mal in den Kopf reinkriegen. Das überhaupt psychisch und physisch zu erleben, ist schon heftig. Und dann erfahren Sie, dass die Polizei und Staatsanwaltschaft an den Täter nicht rankommen. Wie soll man damit umgehen?

Wahrlich nicht einfach.

Wolf Harms ist kurz davor, dass etwas in ihm implodiert. Diese Bilder nehme ich als Vorbereitung und frage mich: Was bedeutet das? Und dann baue ich in Einzelschichten die Figur auf und versuche, ihr gerecht zu werden. Wo ist da Selbstjustiz? In dem ganzen Film kann keiner den ersten Stein werfen.

Blenden wir mal über: Harms saß im Knast, Brunetti bringt die Leute hinein. Lesen Sie bei Donna Leon nur die Drehbücher oder auch die Romane?

Beides. Harms und Brunetti sind so unterschiedliche Charaktere und Schicksale, die Lichtjahre voneinander entfernt sind.

Hildegard Schmahl spricht in ihrer Rolle als Contessa im neuen Film eine düstere Prognose aus: Venedig werde 2030 keine Einwohner mehr haben, sondern nur noch Touristen.

Das glaube ich nicht. Natürlich ist der Bevölkerungsrückgang dramatisch, aber das Problem ist vielschichtiger. Die Erhaltung der Palazzi ist so teuer, dass sich ein Privatmann das nicht mehr leisten kann. Der Staat versucht das Problem auch loszuwerden, also kommen die großen Konzerne und investieren Millionen. Dann gehört er nicht mehr der Stadt oder einem Privatmann, aber der Palazzo ist gerettet.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen