Interview: Florence Kasumba : Ihr Auftritt, Frau Schmitz!

florence kasumba imago mediapunch

Ruhrpottpflanze, Hollywoodstar und jetzt auch Tatort-Kommissarin: Florence Kasumba

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02. Februar 2019, 16:00 Uhr

Man kann es nicht anders sagen – Florence Kasumba ist eine beeindruckende Erscheinung. In Uganda geboren, in Essen aufgewachsen, hat sie sich zum Musicalstar, dann zur Hollywood-Darstellerin und jetzt zur Tatort-Kommissarin entwickelt. An der Seite von Maria Furtwängler ermittelt sie morgen erstmals im Niedersachsen-Tatort und trägt einen Namen, den man so nicht erwartet hätte. An der Bar des Hamburger Atlantic Hotels erzählt sie aus ihrem außergewöhnlichen Leben.

Frau Kasumba, warum ist Schmitz so ein dämlicher Name, wie Sie es im Tatort sagen?
Das stand so im Drehbuch, deshalb müssen Sie das den Autor fragen (lacht). Ich schieb’s immer auf die anderen Leute. Ich musste auch über den Namen lachen, wusste aber, dass es einen Hintergrund gibt, wenn ich im Film Schmitz heiße.

Nämlich?
Zunächst habe ich an Adoption gedacht. Und dann an Ehe – und das war’s dann ja auch. Sonst wäre ich auch nicht auf Schmitz gekommen (lacht).

Frau Kasumba hat im Gegensatz zu Frau Schmitz zwei Kinder im Alter von neun und zwölf Jahren.
Ja und darüber bin ich sehr glücklich. Frau Schmitz leidet unter ihrem noch nicht erfüllten Kinderwunsch.

Was haben Ihre Kinder dazu gesagt, dass ihre Mutter Tatort-Kommissarin wird?
Darüber habe ich noch nicht mit ihnen gesprochen. Ich glaub auch nicht, dass sie es wissen oder dass es sie interessiert. Ich habe regelmäßig neue Projekte, da dränge ich meinen Kindern nicht jedes Mal auf, was ich jetzt wieder mache.

Ihre Marvel-Filme interessieren die beiden vermutlich mehr.
Ja, die Filme haben wir uns gemeinsam angeschaut und sie finden sie toll. Als ich 2015 den ersten dieser Filme gedreht habe, waren sie noch zu jung. Heute sind sie es gewohnt, mich in solchen Produktionen zu sehen – da heißt es meistens nur: Ach, Mama, in dem Film bist du auch?


Sie bezeichnen sich selbst als Ruhrpottpflanze. Beschreiben Sie doch mal die Eigenarten dieses Gewächses.
Da gibt es viele Kleinigkeiten. Ich weiß zum Beispiel, was „Pommes Schranke“ ist. Oder kenne Formulierungen wie „Komma hier bei Oppa“. Ich verstehe, wie die Leute miteinander sprechen, und ich kenne das öffentliche Verkehrsnetz.

Wie würden Sie die Rolle Ihrer Eltern in Ihrem Leben beschreiben?
Gerade jetzt, wo ich selbst Kinder habe, weiß ich umso mehr zu schätzen, wie viel Gutes sie für mich getan haben. Sie haben zum Beispiel niemals gesagt: Florence, willst du nicht etwas anderes studieren? Das könnte ganz schön schwierig werden, was du da vorhast. Das ist doch brotlose Kunst. So etwas habe ich im Gegensatz zu vielen Kollegen zu Hause niemals gehört. Meine Eltern haben mich immer machen lassen, was mich interessierte. Und sie haben mich darin gefördert. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.

Vermutlich sind Ihre Eltern kunstsinniger als andere.
Gut möglich. Zumindest war ich schon mit vier, fünf Jahren bei der musikalischen Früherziehung. Anscheinend habe ich mich da gut geschlagen, denn ich habe sehr früh gelernt, Noten zu lesen und Instrumente zu spielen. Es ging früh los in diese Richtung, dass ich sagte: Ich möchte zum Musikunterricht. Ich möchte tanzen. Und das haben sie mir ermöglicht.

Sie sind in Kampala geboren, aber Ihre Eltern wohnten damals eigentlich schon in Deutschland.
Ja, die haben sich in den Sechzigern in Berlin kennengelernt. Damals gab es noch nicht so viele schwarze Leute hier, da hat man sich ein bisschen connected. Sie haben dann hier gearbeitet, sind wieder nach Uganda gegangen und später zurück nach Deutschland gekommen.

Sie haben aber Ihre ganze Kindheit in Essen verbracht?
Ja, Kindergarten, Grundschule und Bischöfliches Gymnasium in Essen-Stoppenberg. Ich war auch lange als Tenor-Saxofonistin im Schönebecker Jugendblasorchester. Mit 19 bin ich zum Studium nach Tilburg gezogen – das war für mich schön, weil ich nicht so weit von der Familie entfernt sein wollte.

Warum dann nach Holland?
Ich war anfangs sehr naiv und dachte: Hey, du kommst aus Essen, da gibt’s doch die Folkwang-Hochschule. Da bin ich aber nicht angenommen worden. Plan B war, die umliegenden Schulen anzuschreiben. Tilburg hatte einen guten Ruf, wer da einen Abschluss gemacht hat, hatte in der Regel hohe Berufs-Chancen. Ich hab’s probiert, hab vorgetanzt, vorgesungen und vorgesprochen. Und die haben gesagt: Wow, wir möchten dich gerne ausbilden. Im Nachhinein bin ich total froh darüber: Ich habe eine neue Kultur und eine neue Sprache kennengelernt, das hätte ich in Deutschland nicht. Und ich bin viel offener dadurch geworden.

Sind die Holländer offener als die Deutschen?
Ja, definitiv. In Holland wurde ich immer gefragt: Wo kommst du her? Und wenn ich dann Essen gesagt habe, war klar: Das ist ’ne Deutsche. Hier in Deutschland kommt immer noch die Frage: Und wo kommst du wirklich her? Warum seid ihr hier? So ist das komischerweise auch in der Filmbranche, beim Musical war es nie so.

Erstaunlich.
Ja. Als ich in Essen die Aida gespielt habe, war das eine große Rolle, Titelfigur, 13 Songs pro Abend. Die Leute haben sich unheimlich für meinen Werdegang interessiert, aber da ging es nur darum: Du bist ’ne Deutsche, du bist in einer Disney-Show und du spielst die Hauptrolle. Wie hast du das geschafft? Das finale Casting hat in New York stattgefunden – da hat man sich für mich als Schauspielerin und Musicaldarstellerin interessiert. Und jetzt kommen wieder ganz andere Fragen.

Glauben Sie, dass Ihre Hautfarbe für Ihre Karriere von Nachteil war?
Ich habe das nie negativ empfunden – im Gegenteil: als ich angefangen habe zu arbeiten, war es eher ein Vorteil. Wenn ich in den Neunzigern in einen Raum mit 100 Leuten gegangen bin und die einzige war, die schoko ist, dann musste ich mir keine Gedanken machen, ob ich auffalle. Das war ein klarer Vorteil, zumindest beim Musical.

Und beim Film?
Wenn ich da eine Frau gespielt habe, die aus einem Kriegsgebiet geflüchtet ist, habe ich das nicht hinterfragt. Man kann nun mal eine Frau aus Mali nicht mit jemandem wie Ihnen besetzen – genauso wenig wie man mich als Sissi besetzt. Das ist völlig in Ordnung.

Seit ein paar Jahren sieht man Sie in richtig fetten Hollywood-Blockbustern. Davon träumen viele deutsche Schauspieler ein Leben lang vergeblich. Bei Ihnen kam das fast nebenbei.
Genau. Ich hab wirklich große Produktionen dort gemacht und dabei gesehen, dass es bessere finanzielle Mittel gibt und die Vorbereitung deshalb ganz anders ist als in Deutschland. Die Vorbereitungszeit ist länger und intensiver, die Schauspieler werden zum Teil gecoached, manchmal muss man einen bestimmten Dialekt lernen, es gibt ein kreatives Team, das dafür da ist, uns zu unterstützen und fit zu machen. So zu arbeiten macht echt Spaß.

Ihre Rollen in Hollywood sind auch andere als die, die Sie bisher in Deutschland gespielt haben.
Ja, es sind vor allem sehr athletische Rollen. Figuren, die unterschiedliche Dialekte sprechen. Frauen, die sehr stark sind. Ich habe dort noch nie für eine Opferrolle vorgesprochen, weil die Leute mich einfach anders sehen. Bisher waren meine Vorsprechrollen: Amazone, Elitekämpferin, Soldatin, Ärztin, Detective, Fabelwesen wie Hexe oder Das Schicksal. Auf jeden Fall Frauen mit Superkräften.

Bei Ihrem athletischen und markanten Äußeren käme ich auch nicht auf eine Opferrolle, sondern eher auf eine starke Frau.
Es war hier aber all die Jahre anders. Da waren es vor allem Flüchtlinge, Flüchtlinge, Flüchtlinge.

Wie wichtig ist es Ihnen, die erste schwarze Tatort-Kommissarin zu sein?
Ich bin mit dem Tatort aufgewachsen, ich fand ihn immer toll, vor allem Lindholm und Odenthal, und habe 2010 drei Tatorte in einem Jahr gedreht. Schon damals wäre ich gern Kommissarin gewesen. Das hat jetzt alles noch ein paar Jahre gedauert, und das ist wohl auch gut so. Ich hatte damals zwar schon viel gelernt, aber jetzt bin ich noch reifer, habe noch mehr Dreherfahrung. Und jetzt finde ich es richtig schön, dass ich sagen kann: Hey, ich hab’s geschafft. Es war mein Traum, und jetzt ist er in Erfüllung gegangen.

Nach einer halben Stunde verpasst Frau Schmitz der Charlotte Lindholm eine Ohrfeige, die sich gewaschen hat.
Mich wundert’s, dass ich so viel darauf angesprochen werde. Männer prügeln sich in Filmen doch ständig, und da hat niemand etwas auszusetzen. Und dann hau’ ich, also Anaïs, einmal jemandem eine rein, und schon ist es eine große Sache. Was ist daran so ungewöhnlich?

Ich würde mir nicht wünschen, dass sich Frauen häufiger eine reinhauen, sondern dass es Männer seltener tun.
Und ich würde mir generell wünschen, dass man sich nicht schlägt. Aber im Fall von Anaïs Schmitz ist es ja so, dass sie das nicht kontrollieren kann. Deshalb ist es auch gar nicht witzig. Es geht mir nicht um Gewaltverherrlichung. In Actionfilmen vermöbele ich zwar ständig Leute, aber im wahren Leben habe ich noch nie jemanden geschlagen. Choreographien für Kampfszenen zu lernen macht mir Spaß, das ist wie Tanz und es gibt nicht einmal einen Kontakt.

Wie lange planen Sie mit dem Tatort?
Ich plane gar nichts. Ich denke eher: Das auch noch? Ich mache ja schon dies und das, wann hab ich denn dafür noch Zeit? (lacht) Ich kann nur sagen: Mir hat es unheimlich Spaß gemacht. Und dadurch, dass die Figuren Lindholm und Schmitz so viel Reibung haben, bin ich gespannt auf das, was kommt. Was mich gar nicht interessiert, ist ein Zickenkrieg, aber den haben wir ja auch nicht.
 

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