Zeitgeschichte im Weihnachtsoratorium

Die noch intakte Universitätskirche Sekunden vor ihrer Sprengung zugunsten eines Universitätsneubaus am 30. Mai1968 am Karl-Marx-Platz in Leipzig.
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Die noch intakte Universitätskirche Sekunden vor ihrer Sprengung zugunsten eines Universitätsneubaus am 30. Mai1968 am Karl-Marx-Platz in Leipzig.

Heiligabend 1963 zeigte das DDR-Fernsehen seinen Zuschauern erstmals das Weihnachtsoratorium mit dem Leipziger Thomanerchor – die Aufzeichnung in der Universitätskirche wird zu einem Stück Zeitgeschichte

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10. Dezember 2013, 00:33 Uhr

Die Leipziger Universitätskirche war am 24. Dezember 1963 bis auf den letzten Platz besetzt. Das zusätzliche Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach mit den Thomanern hatte sich in Leipzig schnell herumgesprochen, zumal diese Aufführung etwas Besonderes war: Die ersten drei Kantaten des Oratoriums wurden vom DDR-Fernsehen komplett aufgezeichnet und Heiligabend gesendet.

Ungewöhnlich war vor 50 Jahren auch der Ort der Aufzeichnung. Weil in der Thomaskirche die Chorempore für den technischen Aufwand zu eng war und der Altarraum wegen Sanierungsarbeiten nicht zur Verfügung stand, wurde die Produktion in die Leipziger Unikirche verlegt. In der gotischen Kirche aus dem 13. Jahrhundert fanden die Verantwortlichen für ihr Vorhaben günstige Voraussetzungen.

Thomanerchor, Gewandhausorchester und die Solisten waren vor dem Altar zwischen Schienen für die Fernsehkameras platziert. Technische Einbauten verschwanden hinter schwarzem Tuch. Die Aufzeichnung im grobkörnigen Schwarz-Weiß atmet den musikalischen Geist ihrer Zeit.

Doch bald sollten die Aufnahmen zum einzigartigen Zeitdokument werden: Es enthält seltene Bilder aus dem Inneren der intakten Kirche, die später auf Geheiß der SED-Führung am 30. Mai 1968 gesprengt wurde. Zwar sind die Kameras meist auf Chor, Orchester und Solisten gerichtet. Über dem Altar kommt für einen kurzen Moment als Verkündigungsengel ein Knabensopran in den Blick. Es ist Hans-Jürgen Beyer, der nach seiner Chorzeit in der Leipziger Rock-Szene reüssierte und später als Schlagersänger in der DDR großen Erfolg hatte.

Gelegentlich aber machten die Kameras einen Schwenk ins Kircheninnere, zeigten neben andächtigen Zuhörern auch hohe gotische Säulen und in einer kurzen Einstellung die Orgel. Keine fünf Jahre später wurden die mutwillig zerstörte Architektur mit dem historischen Instrument und der fast kompletten Innenausstattung der Kirche am Leipziger Stadtrand als Schutt vergraben.

Die Kirchensprengung im Mai 1968 war zweifellos ein Höhepunkt stalinistischer Machtpolitik in der DDR. Nach Ansicht des Architekturhistorikers Goerd Peschken zielte die Aktion jedoch nicht nur auf die Vernichtung einer jahrhundertealten Kirche: „Es ging gegen die Tradition der Universität, gegen die traditionelle Gelehrten-Gesellschaft und deren Fortsetzung in der Studentenschaft.“

Vorangegangen waren Attacken gegen die Studentengemeinde. Ihr ehemaliger Pfarrer Siegfried Schmutzler, der 1957 wegen „Boykotthetze“ fünf Jahre Haft erhielt, beklagte schon zu Beginn der 50er-Jahre einen zunehmend „militant-atheistischen Druck“. Nach einer zehnjährigen Debatte um die Neugestaltung des Karl-Marx-Platzes bestätigte die Sprengung schließlich die schlimmsten Befürchtungen der Leipziger. Ihnen war immer wieder eingeredet worden, die Universitätskirche mit ihrer neugotischen Ostfassade sei eine unbedeutende Kirche. Doch ihre Geschichte ergibt ein anderes Bild. Seit Gründung der Universität 1409 war sie deren Kirche. Zudem gab sie als Auditorium maximum den weltlichen Rahmen für große akademische Feiern. Die 1717 eingebaute Orgel von Johann Scheibe nutzte Bach später als Thomaskantor für Konzerte sowie zum Üben, Improvisieren und Unterrichten. Vor 45 Jahren flog die Orgel in die Luft. Im Sommer 2000 erhielt ein neues Instrument in der Thomaskirche ihre Vorderseite in Anlehnung an die Scheibe-Orgel. Damit hält Bachs wichtigste Wirkungsstätte die Erinnerung an das historische Vorbild wach. Und das denkwürdige Weihnachtsoratorium von 1963 ist im Fernseharchiv bewahrt.

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