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«Faktische Enteignung» : Wie der Riesen-Dino nach Berlin kam

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Für viele Museen ist der Umgang mit ihrem kolonialen Erbe ein heikles Kapitel. Das Berliner Naturkundemuseum nimmt seine berühmten Dinos seit Jahren unter die Lupe. Wichtige Ergebnisse liegen jetzt vor.

svz.de von
erstellt am 19.Okt.2017 | 15:55 Uhr

Es ist das größte aufgestellte Dinosaurierskelett der Welt: Der Brachiosaurus im Berliner Museum für Naturkunde, 13 Meter hoch, 15 Meter lang und 150 Millionen Jahre alt, ist seit fast acht Jahrzehnten der Publikumsliebling des Hauses.

Nach jahrelanger Forschung gibt es jetzt mehr Klarheit, wie die Riesenechse zu Kolonialzeiten in deutschen Besitz kam.

Der Historiker und Afrika-Experte Holger Stoecker sagte der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstag, die Überführung des Saurierskeletts aus dem damaligen Deutsch-Ostafrika nach Berlin sei zwar konform zu den damaligen Rechtsordnungen des Kaiserreichs erfolgt. «Die indigenen Vorstellungen von Recht, Eigentum und Landbesitz wurden aber in keiner Weise berücksichtigt. Insofern erfolgte die Entscheidung damals zu Lasten der afrikanischen Bevölkerung.»

Stoecker ist Mitglied eines vom Bundesbildungsministerium geförderten Forschungsverbunds, der seit 2015 die Herkunftsgeschichte der Dinosaurier in Berlin erforscht. Seine Zwischenergebnisse fasste er am Mittwoch in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» zusammen, auch die «Bild»-Zeitung berichtete.

Das Riesenskelett war bei einer der bis heute wichtigsten Fossilienausgrabungen zwischen 1909 und 1913 am Berg Tendaguru geborgen worden - als Teil von insgesamt 230 Tonnen fossilem Material. Die Federführung bei den Ausgrabungen hatte das Berliner Naturkundemuseum, 500 afrikanische Arbeiter waren beteiligt.

Grundlage war eine Vereinbarung, die der damalige kaiserliche Bezirksamtmann mit sechs Vertretern der afrikanischen Bevölkerung am 13. März 1908 getroffen hatte. Danach wurde das rund 35 Quadratkilometer große Areal für «menschenleer» und «herrenlos» und damit zu deutschem «Kronland» erklärt.

«Solche Kronland-Erklärungen stellten faktisch eine Enteignung und Vertreibung der heimischen Bevölkerung dar», erklärte Projektleiterin Ina Heumann kürzlich bei einer Podiumsdiskussion zur Provenienzforschung in Berlin. Das Ziel sei gewesen, die Bevölkerung von dem Ausgrabungsgelände fernzuhalten und das deutsche Kaiserreich auf Dauer zum juristischen Eigentümer der Funde zu machen.

So kam der Brachiosaurus brancai nach einem mühseligen Transport an die Küste und übers Meer nach Berlin. Seit 1937 steht er zusammen mit einigen kleineren Zeitgenossen im Lichthof des Museums. 2005 wurden die berühmten Knochen zwei Jahre lang akribisch konserviert und in neuen Stahl-Korsetts wieder zusammengesetzt.

Der seit 2015 tätige Forschungsverbund von Museum, Technischer Universität und Humboldt Universität will seine Ergebnisse im kommenden Jahr veröffentlichen. Sie sollten laut Museum auch in die Ausstellung einfließen.

Nach Angaben von Projektmitglied Stoecker haben Vertreter aus der Ausgrabungsregion im Süden Tansanias in der Vergangenheit mehrfach eine Rückgabe verlangt. Die Regierung in Tansania habe den Forderungen aber im Juni 2017 eine Absage erteilt. Die Begründung, so Stoecker: Dem Land mangele es an Kapazität und Technologien, um die Fossilien selbst sachgerecht aufzubewahren und für touristische Zwecke auszustellen.

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