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Naturgewalten : Wer überlebt die Arktis-Expedition?

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Das Überleben von Polarhelden oder -heldinnen in Eis, Sturm und höllischer Kälte ist auch eine Frage der Psyche. Rebecca Hunt erzählt raffiniert, spannend und mit einer abwechslungsreich bunten Personengalerie von einer Expedition 1913 und einer anderen hundert Jahre später.

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erstellt am 25.Aug.2017 | 10:26 Uhr

Noch mehr als nur alle Leibeskräfte muss man wohl mobilisieren, um bei 30 Frostgraden mit Sturm und Eisregen auf einer gottverlassenen Antarktis-Insel zu überleben.

Wenn dann auch noch einer von dreien aus der Expedition krank, verletzt und wehklagend alle Hoffnung fahren lässt, wächst das Problem ins Unermessliche: Geben die anderen beiden den einen oder die eine auf, um sich selbst zu retten?

Rebecca Hunt erzählt diese Geschichte in ihrem zweiten Roman «Everland» spannend wie einen Thriller, voller psychologischer Raffinesse und noch dazu in zwei Varianten. 1913 setzen Dinners, Miller-Bass und Napps, drei Männer, von ganz und gar unterschiedlicher Natur sowie einander nicht sonderlich grün, vom Expeditionsschiff «Kismet» auf eine noch nie von einem Menschen betretene Insel über. Mal eben nach ein paar Stunden im Beiboot Neuland entdecken, das Recht auf die Namensgebung für «Eierland» in Anspruch nehmen und dann über Neuseeland ab nach Hause. Das ist der Plan. Zurück in die Zivilisation soll es dann gehen, damit Kapitän Lawrence daheim glorreiche Geschichten über die mehrjährige Expedition ans Ende der Welt verbreiten kann.

Nur dass mörderischer Sturm und Kälte samt diverser Fehler, Pech und Konflikten den zusätzlichen Betriebsausflug der drei in einen immer hoffnungsloseren, endlos langen Kampf ums Überleben verwandeln. Können sie sich halten, bis die «Kismet» nach dem antarktischen Winter mit wieder fahrbarem Gewässer doch noch kommt, sie abzuholen? Wird sie kommen, wird man sie finden, oder setzen sich die Unzufriedenen unter Kapitän Lawrences mit der Forderung durch, nun endlich Kurs Neuseeland zu nehmen?

Drei Polarforscher unserer Tage kennen die hundert Jahre alten Legenden, als sie selbst in die Wetterhölle der Antarktis auf Everland in genauso lebensbedrohliche Schwierigkeiten mit ähnlich verzwickten moralischen Alternativen geraten. Brix und Decker sollen mit ihrer Kollegin Jess Pinguine Robben zählen sowie aus PR-Gründen den 100. Jahrestag der «Kismet»-Expedition begehen.

Auch diese drei passen nicht so gut zusammen, auch hier geht viel auf immer dramatischere Weise schief, bis am Ende wieder die Frage zu beantworten ist, wer vor sich und anderen welche Verantwortung zu tragen hat. Genauso wichtig für die Überlebenden ist, welche Version einer schrecklichen Geschichte sich für die Nachwelt durchsetzt.

Der kapitelweise Wechsel zwischen beiden Expeditionen funktioniert. Die 1979 geborene Hunt beschreibt die überwältigende äußere Dramatik der Antarktis genauso abwechslungsreich, sprachlich lebendig und klischeefrei wie die Konflikte der Menschen in dieser Hölle miteinander und mit sich selbst. «Everland» liest sich ohne mörderische Verbrecher und dazu passende Untaten mit derselben atemlosen Spannung wie ein Thriller aus der obersten Kategorie.

Als Zugabe gibt es das bizarr angenehme Kribbeln, wenn man unter der warmen Bettdecke, am Strand, im Park, Garten oder wo auch immer unter der Sonne den schutzlos 30 Frostgraden im Sturm ausgelieferten Polarforschern folgt. Erinnerungen an das Scheitern des 1911/12 beim Wettlauf zum Südpol mit Roald Amundsen so tragisch und auch durch Inkompetenz samt Starrköpfigkeit gescheiterten Briten Robert Falcon Scott sind gestattet. Aber Hunt hat sich eine ganz eigene Geschichte sehr schön ausgedacht.

- Rebecca Hunt: Everland. Luchterhand, München, 416 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-630-87463-0.

Everland

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