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Julia Engelmann : Wenn nicht jetzt, wann dann?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mit einem Clip für das Leben begeistert die junge Dichterin Julia Engelmann ihre Zuhörer im Internet

Sie erfährt tausendfach Zuspruch, wird als Mutmacherin gefeiert und bekommt sogar Heiratsanträge gepostet: Die Bremer Dichterin Julia Engelmann landet derzeit mit einem leidenschaftlichen Slam-Beitrag gegen ein Leben der verpassten Chancen einen Web-Hit, der bei Youtube schon fast 2,5 Millionen-mal angeklickt wurde. Mit dem, was sie da poetisch vorträgt, berührt die 21-jährige Psychologie-Studentin offensichtlich das Herz vieler Menschen – und hält gleichzeitig der Generation Facebook und den Smartphone-Besessenen einen Spiegel vor.

Fast sechs Minuten spricht Julia Engelmann bei einem Poetry-Slam-Wettbewerb an der Bielefelder Uni über die Schwierigkeiten, die viele Menschen im Alltag davon abhalten, gelegentlich auch die eigenen Träume zu leben. „Eines Tages, Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können“, sagt sie im Mai vergangenen Jahres aufgeregt und mit Schweißperlen auf der Stirn. „Ich würde gerne so vieles tun“, setzt sie nach.

„Meine Liste ist so lang, aber ich werd eh nie alles schaffen. Also fang ich gar nicht an.“ In ihrem Gedicht mit dem sperrigen Titel „One Day/Reckoning-Text“ erzählt sie vom planlosen Abhängen am Smartphone. „Ach, das mach ich später ist die Baseline meines Alltags“, gibt sie offenherzig zu und fährt fort: „Ich bin so furchtbar faul, mein Patronus ist ein Schweinehund.“

Entwaffnend ehrlich. Aber auch überraschend, dass Julia Engelmann mehr als ein halbes Jahr nach dem Dichter-Wettstreit im Bielefelder Hörsaal jetzt erst zum Star im Netz avanciert. Mag sein, dass es mit dem Blogger Kai Thun zu tun hat, der die Rede der jungen Bremerin auf Youtube entdeckt und verlinkt hat. „Es geht um das Leben als solches“, schreibt Thun und ergänzt: „Es ist ein kleiner Appell an die ,Unvernunft‘, endlich das Leben zu führen, welches jeder für sich selbst gern führen möchte.“ 123 000 Gäste seiner Facebook-Seite klickten auf „Gefällt mir“ und multiplizierten damit die Hommage an ein Leben ohne angezogene Handbremse.

Der israelische Folk-Rock-Musiker Asaf Avidans hat die Studentin und ehemalige Schauspielerin der RTL-Serie „Alles was zählt“ angeregt. Sein Single-Hit „One Day“ aus dem Jahr 2012 hat das gleiche Thema und inspirierte sie zu den bewegenden Reimen. Das beschäftige sie selbst, sagt sie in einem Gespräch mit dem Hessischen Rundfunk.

„Warum ich mich so viel ablenken lasse, warum ich so viel rumhänge, obwohl ich so große Pläne habe.“ Was wohl wenige Menschen offen aussprechen würden, weil sie sich keine Blöße geben wollen, macht Julia Engelmann in ihrem Clip zum Thema: „Ich denke zu viel nach, ich warte zu viel ab, ich nehme mir zu viel vor. Ich mach davon zu wenig. Ich halt mich zu oft zurück. Ich zweifle alles an. Ich wäre gerne klug – allein das ist schon dämlich.“

Die Reaktionen der Netzgemeinde sind überwältigend. „Wunderbarer Vortrag“, „sprachlos, Gänsehaut“, „das Beste, was ich seit Langem gehört habe“, posten Jüngere. Niko, schon älter, fühlt sich ebenfalls berührt: „Danke Julia. Vieles haben wir wirklich gemacht, doch zu Vieles nicht. Heute, weit über 60, beginne ich Dinge zu tun, weil ich erkannt habe: wenn nicht jetzt, wann dann?“

Vereinzelt gibt es auch kritische Stimmen. „Ach herrje. Das ist ja so platt“ oder auch „Das Leben funktioniert anders“ heißt es da beispielsweise. Doch die allermeisten Menschen fühlen sich von der Bremerin ermutigt, die am Ende ihres Slams rät: „Lass uns möglichst viele Fehler machen und möglichst viel aus ihnen lernen. Lass uns jetzt schon Gutes säen, damit wir später Gutes ernten.“


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