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Kultur : Wenn das stocksteife Singapur über sich selbst lacht

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Bewohner des asiatischen Stadtstaats gelten als humorlos – eine junge Generation von Comedians will ihnen einen Spiegel vorhalten

Es ist Mittwochabend im Blu Jaz Café in Singapur. Etwa dreißig Menschen – Anfänger und professionelle Stand-up-Comedians – wollen beim „Offenen Mikro“ auf die Bühne. Jeder hat die Chance, das Publikum zum Lachen zu bringen. Dabei haben Singapurer eigentlich den Ruf, langweilig und völlig humorlos zu sein.

Moderatorin Sharul Channa eröffnet die Show. Die 28-jährige Komödiantin konzentriert sich sofort auf eine Frau im Publikum: „Sie sind also halbe Inderin und halbe Chinesin? Um Gottes Willen, wer hat diesen Fehler gemacht? Ihre Mutter oder ihr Vater?“

Wie in vielen Gags an diesem Abend geht es um ethnische Zugehörigkeiten, Vorurteile und das Verhältnis zwischen den Bewohnern Singapurs - oft ein heißes Eisen in dem multikulturellen Stadtstaat.

Auf engem Raum leben hier mehr als fünf Millionen Singapurer chinesischer, indischer oder malaiischer Abstammung, zusammen mit westlichen und asiatischen Expats - also ausländischen Fachkräften - und Gastarbeitern.

Die Frage der ethnischen Herkunft war und ist sehr wichtig in Singapur, sagt der indischstämmige Komiker Rishi Budhrani. „Gerade weil es seit so vielen Jahren ein Tabuthema ist. Aber ich glaube, in der Live-Komik, wo es nur darum geht, sich zu amüsieren und über sich selbst zu lachen, dort ist es dann ok.“

Das gilt auch für seine Programme: Er werde bald heiraten, erzählt er dem Publikum. Woher er denn wisse, dass seine Braut die einzig Richtige für ihn sei? „Nun, ich bin Inder. Also haben es mir meine Eltern gesagt“, witzelt er mit Hinweis auf die in indischen Familien immer noch üblichen arrangierten Ehen. Auch klassische Themen wie das Verhältnis zwischen den Geschlechtern und die Politik kommen nicht zu kurz. Das Publikum belohnt die besten Witze mit tosendem Applaus.

Dass Singapurer komplett humorlos seien, stimme so nicht ganz, sagt Heazry Salim, Mitbesitzer des Comedy Club Asia. Er veranstaltet Komiker-Events wie den im Blu Jaz. „Die Menschen in Singapur haben Stand-up Comedy für sich entdeckt. Wenn man hier aufwächst, heißt es immer, wir seien sehr verklemmt. Aber wir haben unseren eigenen Humor.“

Die steigenden Zuschauerzahlen geben ihm Recht. Als das Blu Jaz 2009 mit den Comedy-Abenden begann, verirrten sich nur etwa 30 Menschen dorthin, erzählt Salim. Nun seien es 200.

Der 27-jährige Muhammad Fadzri Abdul Rashid ist der Star des Abends im Blu Jaz. Gekonnt nimmt er die Vorurteile gegenüber seiner malaiischen Herkunft auf die Schippe. „Mein chinesischer Freund ist gerade aus dem Knast gekommen“, beginnt er. „Ich habe ihn gefragt, ,Was hast du dort gelernt?‘. Er sagte: ,Ich spreche nun fließend Malaiisch.‘“ Er mache seit fünf Jahren Stand-up und habe mittlerweile regelmäßig bezahlte Auftritte, erzählt er.

Im Publikum amüsiert sich die 34-jährige Anwältin Jocelyn Chia. „Viele Comedians hier machen sich über die Singapurer lustig. Und es sind die Singapurer, die darüber lachen. Ich glaube, sie erkennen die Wahrheit in den Witzen.“

Das wachsende Interesse der Singapurer an Komikern und auch daran, selbst einmal auf der Bühne zu stehen, überrascht Budhrani nicht.

„Ich glaube, jeder will sich selbst ausdrücken.“ Komik sei eine Kunstform mit einer niedrigen Einstiegshürde - und deswegen eine sehr gute Plattform dafür. „Ein paar Minuten auf einer Bühne mit einem Scheinwerfer und einem Mikro, es kann wirklich jeder so einen Auftritt hinkriegen.“

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