Neuer Schauspiel-Intendant : Weber: Theater als «Katalysator für Ohnmachtsgefühle»

Anselm Weber ist der neue Intendant am Schauspiel Frankfurt.  
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Anselm Weber ist der neue Intendant am Schauspiel Frankfurt.  

Ende September beginnt am Schauspiel Frankfurt die erste Spielzeit von Anselm Weber. Wohin führt der neue Intendant das Sprechtheater in der Mainmetropole? Und was kommt mit der Bühnensanierung auf ihn zu?

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23. September 2017, 13:55 Uhr

Mit drei Stücken an drei Abenden beginnt Anselm Weber seine Intendanz am Schauspiel Frankfurt.

William Shakespeares «Richard III.» (Regie Jan Bosse) gibt es am 28. September, Georg Büchners «Woyzeck» (Regie Roger Vontobel) am 30. September und dazwischen die Uraufführung des Auftragswerks «Das hässliche Universum» von Laura Naumann zu sehen.

So unterschiedlich das Königsdrama und das Ausgestoßenen-Schicksal erscheinen mögen: «Es geht um das Verhältnis von Macht und Ohnmacht», sagte Weber der Deutschen Presse-Agentur. Das Auftaktstück «Richard III.» sieht er gar als «das Stück der Stunde: Es gibt keinen politisch brisanteren Stoff über den Narzissmus, der in der Welt vorherrscht, sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft.»

«Wir» hat Weber seiner ersten Spielzeit als Generalthema verpasst und in verschiedenen Sprachen auf das Cover des Programmhefts drucken lassen, 31 Stücke für seine erste Spielzeit ausgewählt. Sie sollen sich «mit den Rechten, Regeln und Werten unserer Gesellschaft auseinandersetzen». Wichtig ist ihm aber, dass «die Frage nach dem Wir» nicht nur im Schauspiel gestellt wird, sondern auch außerhalb.

«Ich finde, dass das Theater sich öffentlich einmischen muss», sagte Weber. «Und das Theater muss sich öffnen.» Er wolle ein Theater, «das sich in die Stadt bewegt und dann die Stadt auch wieder zurückholt». Um solchen Ankündigungen Taten folgen zu lassen, hat er mit Hilfe von Sponsoren das Projekt «All Our Futures» begonnen. Mehr als 200 Jugendliche aus Stadtteilen, die eher als kulturfern gelten, können drei Jahre lang mitmachen. «Es geht um die Frage: Wie wollen wir leben? In welcher Stadt, in welcher Zukunft?», erklärt Weber.

In Zeiten, in denen autoritäre Regime erstarken, «ist es die Pflicht des Theaters, konkret dazu beizutragen, die Mitte zu verteidigen - und zwar mit allen Mitteln», sagte Weber. Es sei Zeit, die Blase zu verlassen. Das Interesse an politischen Themen und Debatten ist seinem Eindruck nach stark gewachsen. «Die Menschen haben ein unglaubliches Bedürfnis, darüber zu reden, was da passiert.» Das Theater als «Ort der Rück- und Selbstvergewisserung» könne ein guter «Katalysator für Ohnmachtsgefühle» sein.

Sich in die Debatte um Sanierung, Abriss, Umzug oder Neubau der Städtischen Bühnen einzumischen, steht hingegen erstmal nicht auf Webers Agenda. «Ich gehe im Moment relativ entspannt damit um», sagte der Intendant. Ein Gutachten hatte Kosten von rund 900 Millionen Euro sowohl für eine Sanierung als auch für einen Neubau genannt. Weber glaubt, dass der «Findungsprozess» in der Stadt noch Jahre dauern wird. «Bis dahin ist die künstlerische Arbeit nicht bedroht oder eingeschränkt.» Die Stadt müsse zunächst einen Konsens finden, «wie Theater in Zukunft aussehen soll». Erst danach komme die Frage nach der Architektur.

Trotz der baulichen Unsicherheit will Weber für neue Kontinuität sorgen. 50 Festanstellungsverträge hat er schon unterschrieben, seit August wird parallel an den drei Stücken für den Spielzeitbeginn geprobt. Die Zuschauer können sich auf neue Gesichter freuen: Mehr als die Hälfte des Ensembles, mit dem Weber nun startet, ist neu in der Stadt. Sein Vorgänger Oliver Reese hat viele Publikumslieblinge mit nach Berlin genommen, darunter Constanze Becker und Oliver Kraushaar.

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