ESC2017 : Warum wurde Levina beim ESC nur Vorletzte?

Levina aus Deutschland ist bestürzt über den Punktestand im Finale des 62. Eurovision Song Contest

Levina aus Deutschland ist bestürzt über den Punktestand im Finale des 62. Eurovision Song Contest.

Deutschlands Hoffnungsträgerin Levina landet beim Eurovision Song Contest auf dem vorletzten Platz. Der Sieger überzeugt mit viel Herzschmerz.

svz.de von
14. Mai 2017, 08:39 Uhr

Salvador Sabral braucht für seinen Triumph keine Windmaschine, keine Stichflammen, keinen Funkenregen. Der Jazz-Sänger aus Portugal ist beim Eurovision Song Contest in Kiew ganz in schwarz gekleidet. Er steht allein - Meter von der Hauptbühne entfernt - im Dunkeln. Verwirrende Gesten, ein unschuldiger Blick, aber eine Wahnsinnsstimme. „Musik ist ein Gefühl, das man leben muss“, sagt der 27-Jährige unmittelbar nach seinem Sieg mit dem Liebeslied „Amar Pelos Dois“. „Einfach magisch“, nennt ihn eine Moderatorin.

Es ist der erste Sieg in der 53-jährigen ESC-Historie des Landes. Noch nie hat es Portugal unter die Top Five geschafft. Deutschland schneidet dagegen wieder einmal schlecht ab: Platz 24 von 25.

Der Sieger: Salvador Sobral
Der Sieger: Salvador Sobral
 

Mit großem Abstand lässt Sabral mit der melancholischen, in seiner Muttersprache gesungenen Jazzballade die kunterbunte ESC-Konkurrenz hinter sich. 758 Punkte gelingt es ihm zu holen. Ein ähnliches Konzept hat auch der kühle, reduzierte Auftritt der deutschen Sängerin Levina („Perfect Life“) - barfuß und rückenfrei, ohne großes Tamtam. Dennoch geht sie unter. Die Wahl-Berlinerin landet auf dem vorletzten Platz unter den 26 Kandidaten.

Die beiden Lieder im Vergleich:

Also wieder eine Pleite für Deutschland bei dem ESC-Spektakel. Anders als Ann Sophie 2015 in Wien und Jamie-Lee 2016 in Stockholm bleibt ihr immerhin der allerletzte Platz erspart, sie schrammt aber mit sechs Punkten nur knapp daran vorbei. Drei Jury-Punkte gibt es aus Irland, von den Zuschauern nochmal so viele. Davor immer wieder: Null Punkte. Levina kommen während des Votings die Tränen. Nur eine fade Surfer-Nummer aus Spanien schafft noch einen Punkt weniger.

Woran es gelegen hat? „Ich weiß es leider nicht“, sagt Levina. Sie habe viel positives Feedback bekommen, sie war auch mit ihrem Auftritt selbst sehr zufrieden. Das alles wolle sie erst einmal verdauen, schiebt die 26-Jährige hinterher. Der legendäre ESC-Kommentator Peter Urban (69) vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) sagte: „Ich weiß auch nicht, woran es liegt.“ Nun dürfte die altbekannte Diskussion wieder aufflammen: Was machen wir bloß falsch? Warum mag keiner da draußen unsere Musik? Die deutsche Moderatorin Barbara Schöneberger bringt es trotzig auf den Punkt: „Ich weiß auch nicht, was wir noch machen sollen. Costa Cordalis schicken?“

ESC 2017: Am Rande

Publikumsinteresse lässt nach

Nach den beiden letzten Plätzen für Deutschland in den Vorjahren hat das Publikumsinteresse am ESC einen Dämpfer bekommen. 7,76 Millionen Zuschauer verfolgten  bis weit nach Mitternacht, wie  Levina Vorletzte wurde. Marktanteil: 31,5 Prozent. Im Vorjahr hatten noch rund 9,3 Millionen Menschen bei Jamie-Lees letztem Platz vor den Fernsehern gesessen, bei Lenas Sieg 2010 etwa 13,9 Millionen, bei ihrem Wiederauftritt ein Jahr später sogar 14,7 Millionen.

„Australien-Flitzer“ kommt aus der Ukraine

Der Flitzer mit der Australienfahne beim Finale  stammt aus der Ukraine. Es soll sich dabei um den bekannten Ex-Journalisten Vitali Sedjuk handeln. Der 28-Jährige war beim Auftritt der Vorjahressiegerin Jamala auf die Bühne gesprungen und zeigte seinen nackten Hintern. Sicherheitsleute zerrten ihn von der Bühne. Nun droht dem Flitzer eine Geldstrafe.

Israels Zukunft beim ESC

Israel rechnet mit einem Verbleib im ESC. Ein Sprecher der alten Rundfunkanstalt IBA hatte für Aufregung gesorgt, als er bei Mitteilung der Punktevergabe live verkündete, nach 44 Jahren israelischer Teilnahme an dem Wettbewerb sei es das letzte Mal. Ein Sprecher des Außenministeriums in Jerusalem sagte jedoch am Sonntag, es werde erwartet, dass die neue israelische Rundfunkanstalt Kan die Zuständigkeit übernimmt.

 

Kurz vor Bekanntgabe dieser neuen deutschen Niederlage wird die ESC-Routine durch einen Flitzer aus Australien gestört. Der stürmt während einer Pauseneinlage der Vorjahressiegerin Jamala die Bühne und zieht blank. Sonst läuft alles rund. Denn der große ESC-Skandal ist bereits Wochen vor der Glitzerveranstaltung ausgetragen worden - Russland ist nach einem diplomatischen Streit ausgestiegen.

Dass dann Moskau aber mit einer Art Trojanischem Pferd trotzdem irgendwie teilnimmt, nehmen die Zuschauer nur am Rande wahr. Der Bulgare Kristian Kostov ist eigentlich Moskauer, dort geboren und heimisch. Ob jugendliche Albernheit oder aus Solidarität zu der gesperrten russischen Künstlerin Julia Samoilowa: Unmittelbar vor dem Finale kündigt der 17-Jährige mit breitem Lächeln einem russischem Fernsehteam an: „Im Falle eines Sieges zertrümmere ich euch die gläserne Siegestrophäe!“. Erst Stunden später zieht er es als „Witz“ zurück. Ob das Bulgarien - mit Italien und Portugal einer der Favoriten - am Ende die entscheidenden Stimmen gekostet hat? Alles in allem fällt auf: Waren es in den vergangenen Jahren noch russische Mütterchen, butterstampfende Polinnen im lasziven Ethnolook oder Zwergenmützen aus Moldau, die in Erinnerung blieben: Das Extravagante, unglaublich Verrückte fehlt in Kiew im Finale vollkommen. Den einzigen Stirnrunzel-Faktor, Slavko Kalezic aus Mazedonien, kickten die Zuschauer bereits im ersten Halbfinale raus.

Er konnte trotz meterlanger Zopfpeitsche und Netzhemd nicht überzeugen. Übrig blieben: Drama in weißen, brautähnlichen Kleidchen, lange Frauenbeine und strenge Choreographien aus dem Mittelmeerraum.

In dieser glatten Bonbonwelt sticht der Portugiese Sabral eindeutig hervor. Er lebt seine Lieder selbst bis in die Fingerspitzen, während der ESC-Woche tritt er spontan in einer Kiewer Jazz-Bar auf. Am Ende ist er von seinem Emotionen so überwältigt, dass ihn seine Schwester Luisa, die Komponistin des Liedes, bei den ersten Liedzeilen einsingt. „Ich habe nie ein Lied geschrieben, um im Radio gespielt zu werden“, sagt Sabral nach seinem Sieg. Er hat das Gefühl, und stellt das in den Vordergrund.

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