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Rammstein-Doku auf Arte : Von Schwerin nach Amerika

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

TV-Sender arte feiert heute die Rockband Rammstein als Gesamtkunstwerk, Exportkanone und Kulturbotschafter

Keine deutsche Rockband hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen derartig überwältigenden internationalen Erfolg einfahren können. Keine Band wurde von Kritikern und einem Teil des Publikums mehr missverstanden. Die Rede ist von Rammstein, einer Band, die ihr eigenes Genre erfand und deren Wurzeln am Schweriner See liegen.

Stephan Schrör, der in Schwerin Mitte der 80er-Jahre gemeinsam mit Till Lindemann, Richard Kruspe und Freunden eine Punkband gründete, kann sich heute gut an die Anfangstage erinnern: „Wir hörten damals gemeinsam viel Feeling B, Expander des Fortschritts, Tausend Tonnen Obst und dachten: Das machen wir auch. Aber nicht so lustig, sondern artifizieller, kompromissloser. So entstand die Schweriner Punkband First ARSCH. Der Name stand für Erste Autonome Randalierer Schwerins. Wir wollten uns von Blues und Jazz unterscheiden. Es ging um Provokation, Happening, Dada. Wir experimentierten mit alten sowjetischen Panzerkopfhörern, sampelten mit dem Casio SK-5. Eigentlich war alles irgendwie verboten, aber die Zeiten änderten sich gerade. Ich bin dann bald nach Hamburg weiter gezogen. Aber die Verbindung zu Till, Richard und den anderen ist nie abgerissen.“

Der Galerist Schrör war später bei Rammstein-Auftritten vor und hinter der Bühne dabei, kümmert sich heute mit seiner Fresh Eggs Gallery um Präsentation und Vermarktung von Kunst aus dem Rammstein-Umfeld. So präsentierte er im Sommer 2015 Graphiken und Skulpturen von Till Lindemann und Matthias Matthies in Mexiko.

Im September 2015 wurde der Schweriner Musiker Roland Brock als Gründungsmitglied der Punkband und Gast der Veranstaltung „Rock und Revolution – DDR-Subkultur und die Stasi“ interviewt und zeigte sich erstaunt, wie akribisch die Stasi die frühen Aktivitäten von First ARSCH beobachtet und dokumentiert hatte.

Aus First ARSCH und Feeling B wurde dann Anfang der 90er-Jahre Rammstein. Bereits nach der Veröffentlichung des Debütalbums „Herzeleid“ vermerkte der renommierte Musikkritiker Siegfried Schmidt-Joos: „Rammstein spielten seit ihrer Gründung 1994 mit dem Feuer: auf der Bühne, wo sie mit deutscher Perfektion die feurigen Gags von Arthur Brown bis Red Hot Chili Peppers nachahmten, mit Texten und einem Gebaren, die den Musikern den Ruf rechter Gesinnung einbrachten.“

Tatsächlich musste sich die Band jahrelang mit derartigen Vorwürfen auseinandersetzen, die erst im Jahr 2001 mit dem Rammstein-Song „Links 234“ nach und nach verstummten. Dabei gehört der Tabu-Bruch zur Rockmusik wie das Salz in die Suppe. Bereits Elvis Presleys Hüftschwung brachte 1956 die Sittenpolizei auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs auf den Plan.

In dieser Hinsicht stehen Rammstein in einer noch immer lebendigen Tradition. Oft totgesagt, vermag es eine kleine Rock-Avantgarde, selbst über ideologische Grenzen hinweg, zu verstören und zu verunsichern.

Der weltweit anerkannte Dokumentarfilmer Hannes Rossacher versucht mit seinem arte-Dokumentarfilm „Rammstein in Amerika“ nun dem Phänomen auf die Spur kommen. Er beginnt seine filmische Reise im Sommer 1988 am DDR-Ostseestrand, begleitet die Band bei ihrer langen, mitunter schmerzvollen medialen Eroberung des amerikanischen Kontinents.

Finaler Höhepunkt ist die Konzertdokumentation „Live from Madison Square Garden“, die tiefe Einblicke in die legendäre, Grenzen sprengende Live-Show der Band bietet. Als in New York 18 000 Menschen gemeinsam mit Till Lindemann den Refrain „Auf dem Lande, auf dem Meer lauert das Verderben / Die Kreatur muss sterben“ anstimmen, ist das ein Moment, mit dem keiner der Rammstein-Kritiker mit dem permanenten Zeigefinger je gerechnet hätte. Siegfried Schmidt-Joos prophezeite bereits im Jahr 2005 den bevorstehenden Gau für Rammstein, wegen einer zunehmenden „Trivialisierung in der öffentlichen Wahrnehmung“.

Heute, zehn Jahre später, ist die Marke Rammstein attraktiv und stabil wie niemals zuvor. Nach einjähriger Kreativpause steht das Kollektiv, dessen Erfolgskonzept die Zeitung „Die Welt“ jüngst auf die eingängige Formel „DDR + Amerika = Rammstein“ brachte, wieder in den Startlöchern. In dieser Woche verkündeten Rammstein, die sich gerade im Probe-Studio befinden, im kommenden Sommer auf die internationalen Festival-Bühnen zurückzukehren. 

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