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Roter Faden : Von Heiden und Katholiken

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Mit «Wölfe» und «Falken» wurde Hilary Mantel auch in Deutschland zur Bestsellerautorin. Jetzt erscheint ein früherer Roman der Britin erstmals auf Deutsch. «Der Hilfsprediger» führt die Leser in ein gottverlassenes Dorf im Norden Englands in den 50er Jahren.

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erstellt am 29.Aug.2017 | 10:51 Uhr

Fetherhoughton ist ein gottverlassenes Dorf, die Szenerie im Nordengland der 50er Jahre bedrückend. Die Straßen sind eng, die Häuser klein und düster, ihre Bewohner arm und anspruchslos.

«Hier gibt's nur Heiden und Katholiken», sagt Vater Angwin. Über den Aberglauben seiner Schäfchen sieht er müde hinweg. Der katholische Dorfpfarrer hat schon vor Jahren seinen Glauben verloren. Trotzdem sorgt er weiter für seine Gemeinde, liest Messen, hört Beichten und trinkt. Seine altjüngferliche Haushälterin ist ihm demütig ergeben, die Oberin des Klosters, Mutter Perpetua, seine größte Feindin. 

Zu allem Überfluss will der eifrige Bischof nun in der Gemeinde aufräumen. Das heißt, weg mit den Statuen aus der Kirche, mit dem Latein, mit «Rüschen und Tand». Doch die Ungläubigen brauchen mehr als einen äußerlichen Wandel.

Da steht eines Abends der Vikar Fludd vom Regen durchnässt vor der Tür des Pfarrhauses. Angwin fürchtet zunächst, er könne ein Spion des Bischofs sein. Doch der junge Mann ist ihm sympathisch und scheint eine positive Wirkung auf die Dorfbewohner zu haben, auch wenn sich niemand je an sein Gesicht erinnern kann und sich in seiner Gegenwart oft eine unerklärliche Hitze ausbreitet.

«Wie soll ich wissen, dass nicht Sie der Teufel sind?», fragt ihn die irische Nonne Philomena eines Nachts in einem dunklen Schuppen. Fludd beantwortet ihre Frage nicht. Doch der Leser von Hilary Mantels Roman «Der Hilfsprediger» ahnt schon, wohin die Versuchung der jungen Frau führen wird.

Das Thema Religion zieht sich wie ein roter Faden durch Mantels Werk. Es geht um Gut und Böse, Übersinnliches und Weltliches, Orthodoxie und Rebellion. Besonders die katholische Kirche tritt darin immer wieder als dunkle Macht des Aberglaubens auf. Das mag vielleicht daran liegen, dass die 65-jährige Bestsellerautorin aus dem nordenglischen Glossop selbst in einer irisch-katholischen Familie aufwuchs. Lange schon hat sie sich von dem Glauben ihrer Vorfahren entfernt. «Ich bin von Natur aus Protestantin», sagte Mantel einst in einem Interview. «Ich denke, die katholische Kirche ist heutzutage keine Institution mehr für respektable Leute.»

Ging es in ihren historischen Erfolgsromanen «Wölfe» (2010) und «Falken» (2012) um die Reformation Heinrichs VIII. und die Abspaltung der englischen Kirche von Rom, so thematisiert auch «Der Hilfsprediger» religiöse Veränderungen. Allerdings geht es wohl hier um die Reformbewegungen innerhalb der katholischen Kirche in den Jahren vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil und dem rapiden Säkularisierungsprozess, der im 20. Jahrhundert folgen sollte.

Geschrieben wurde «Der Hilfsprediger» (engl. «Fludd»/1989) allerdings rund 20 Jahre vor den Tudor-Bänden, als Mantel in Deutschland erst Wenigen ein Begriff war. Seine Übersetzung ins Deutsche zum jetzigen Zeitpunkt ist sicher auch dem neueren Erfolg der zweifachen Booker-Preisträgerin geschuldet. Denn mit gut 200 Seiten kommt «Der Hilfsprediger» im Vergleich zu den dicken historischen Wälzern vergleichsweise bescheiden daher. Leichter zu lesen ist er auch - mit subtiler Ironie und einer guten Portion Weisheit.

- Hilary Mantel: Der Hilfsprediger. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. DuMont, Köln, 220 Seiten, 23,00 Euro, ISBN 978-3-8321-9872-5.

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