Bücher-«Ärzte» lesen anders : Von Fraßschäden, Stock und Billigpapier

Der Restaurator Otmar Wetten blättert durch ein alts Buch.
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Der Restaurator Otmar Wetten blättert durch ein alts Buch.

Goethe im Ledereinband, die Erstausgabe von Karl May - manch alter Bücherschatz verstaubt auf Speichern oder in Kellern. In «Büchersprechstunden» kann man erfahren, ob die alten Schinken noch etwas wert sind.

svz.de von
04. Januar 2018, 14:14 Uhr

Wie ein Chirurgenteam beugen sich die Experten über das hebräische Buch mit dem zerschlissenen grünen Einband. Vorsichtig blättert der Restaurator Otmar Wetten in den vergilbten Seiten, betastet behutsam die Ecken des Buchdeckels.

Das Titelblatt und mehrere Seiten fehlen - und der Hebräisch-Fachmann der Düsseldorfer Universitäts- und Landesbibliothek ist nicht da. So kann niemand den Inhalt entschlüsseln. Aber eines ist für Wetten klar: «Dieses Buch hatte sicher eine bewegte Geschichte», sagt er. «Das kann man sicher sagen, ohne es lesen zu können.»

Kurz vor Schluss der «Büchersprechstunde» in der Unibibliothek ist ein Kardiologe aus Weißrussland, der in Krefeld arbeitet, mit dem grünen Buch unter dem Arm gekommen. Jahrelang hat es bei ihm zuhause gelegen. Nun möchte er endlich wissen, wovon es handelt, wie alt es ist. Und vielleicht hofft er auch, dass die Bücher-«Ärzte» damit verlorene Familienwurzeln finden.

Auch wenn sie kein Hebräisch können, fördern sie doch einige Erkenntnisse zutage. «Vom Papier her würde ich sagen, es stammt aus den 1920er Jahren», meint Rainer Weber, Abteilungsleiter für Erschließung in den Historischen Sammlungen der Unibibliothek. Wetten sagt: «Der grüne Einband ist selbstgemacht, aber es ist noch einer darunter. Ursprünglich hatte das Buch einen schwarzen Leineneinband.» Der Kardiologe bekommt die Email-Adresse des Hebräisch-Experten. Der kann ihm vielleicht weiterhelfen.

Alle zwei Monate können Besucher der öffentlichen «Büchersprechstunde» in Düsseldorf den Fachleuten ihre vergilbten Schätze aus dem Keller oder Speicher vorlegen, das nächste Mal am 18. Januar. Sind die Publikationen heute noch etwas wert, lohnt eine Restaurierung? Büchersprechstunden wie in Düsseldorf gibt es inzwischen bundesweit in vielen Bibliotheken mit historischem Bestand von Hamburg bis Bayern. In der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe ist der Andrang sogar so groß, dass jeder Ratsuchende nur zwei Bücher vorlegen darf.

Dagmar Goebels aus dem niederrheinischen Voerde hat das Kochbuch «Ich kann kochen» von 1909, ein Physikbuch von 1903 und säuberlich in Folien geheftete Briefe in Sütterlinschrift nach Düsseldorf mitgebracht. Weber schätzt das Kochbuch auf 65 Euro. Als Orientierungshilfe dient ihm das Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher (ZVAB), auf dem mehr als 1000 Antiquare Millionen Bücher anbieten. Die Auflage des Kochbuchs sei zu groß gewesen, sagt Weber. «Wenn es ein altes Kochbuch wäre, aus dem 18. Jahrhundert, dann wären das schon andere Summen.»

Auch der Handschriften-Experte Markus Vaillant gehört zum Team. Goebels zeigt ihm die Briefe ihres Urgroßonkels. Er war Schiffsarzt und starb 1917 an Influenza in einem Marinelazarett, das hat sie herausgefunden. Auf einigen Briefköpfen ist der Name des Dampfers «Prinz Eitel Friedrich» zu lesen. Goebels kaufte sich ein Buch über Sütterlin. Aber beim Versuch, die Schrift zu entziffern, scheiterte sie, «weil es einfach viel zu viel ist». Vaillants Angebot: Er wird ihr Unterricht in Sütterlinschrift geben.

«Es ist ganz unterschiedlich, womit die Besucher kommen», sagt Anne Liewert, Leiterin des Dezernats Historische Sammlungen. «Immer wieder bringen sie gern Goethe, Schiller, Lessing oder Karl May, und die Familienbibel ist eigentlich auch fast jedes Mal dabei.» Viel Geld ist mit den alten Büchern aus Familienbesitz meist nicht zu verdienen. «Wir hatten aber mal eine mittelalterliche Handschrift aus dem 15. Jahrhundert, das ist schon etwas ganz Besonderes.»

Die Experten lesen Bücher anders. Stockflecken? Wohl ein Pilz, der sich von Mineralien ernährt. Weber entdeckt einen «Fraßschaden» von Insekten in einem französischen Reisebuch über Russland aus dem Jahr 1794. «Es ist auch mal feucht geworden», sagt er. Aber das Papier sei viel besser als das der Heine-Ausgabe von 1876. Denn mit der Massenproduktion ab etwa 1850 wurde statt hochwertiger Fasern nur noch klein geschnittenes und mit Leim versetztes Holz verwendet.

Eine «entsetzlich schlechte Papierqualität», seufzt Weber beim Anblick der braunen Seiten der Heine-Ausgabe. Höchstens 45 Euro seien die vier Bände noch wert. «Da lohnt sich auch keine Behandlung, das wird den Zerfallsprozess niemals aufhalten.»

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