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Dresdner Hygiene-Museum : Von der Sensation zum Museumsobjekt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gläserne Figuren waren einst Verkaufsschlager des Dresdner Hygiene-Museums. Neue Medien bieten längst andere Einblicke in den Körper – die Skulpturen sind trotzdem noch gefragt

Festgezurrt in einem Gestell steht ein Gläserner Mann im Depot des Deutschen Hygiene-Museums Dresden (DHMD). Das Skelett scheint farbig durch die vergilbte Kunststoffhülle, die an Taille, Ellbogen und anderen Stellen gebrochen und notdürftig mit Tesafilm geklebt ist. Die Arme gen Himmel geöffnet, den Blick nach oben gerichtet, scheint die 1,76 Meter große Figur um Hilfe zu bitten. „Er ist schon ziemlich ramponiert“, sagt Sammlungsleiterin Susanne Roeßiger.

Dabei ist die fast 80 Jahre alte Skulptur eine echte Rarität und ein Highlight der ab Herbst geplanten Sonderschau „Blicke – Körper – Sensationen“. „Sie ist eine der wenigen Figuren, die vor dem Zweiten Weltkrieg entstanden“, erklärt Museumssprecher Christoph Wingender. Per Zufall hatten DHMD-Mitarbeiter ihn 2009 bei zwei Zirkusartisten in Finnland entdeckt. Er war Teil eines seltenen, fast 100 Jahre alten anatomischen Wachskabinetts, das für Dresden zurückerworben wurde.

Den Prototyp des Gläsernen Menschen entwickelte Modellbauer Franz Tschackert ab 1925 am DHMD. Dank des durchsichtigen Kunststoffs Cellon konnten erstmals alle wesentlichen Bestandteile des Körpers in Funktion betrachtet werden – eine Sensation. Bis dahin gab es nur sogenannte Spalteholz-Präparate von Organen, die transparent waren und von hinten beleuchtet werden konnten.

Der Gläserne Ur-Mann wurde 1930 bei der II. Internationalen Hygieneausstellung in Dresden präsentiert, verbrannte aber im Zweiten Weltkrieg. „Auch bei den Gläsernen Figuren war zuerst der Mann da“, erzählt die Dresdner Restaurierungs-Studentin Ulrike Schauerte, die zur Geschichte der Gläsernen Figuren recherchierte. Die erste Frau wurde 1935/1936 für das Museum of Science and Industry in New York gebaut. „Der Gläserne Mensch war eine technische und wissenschaftliche Sensation“, sagt Roeßiger. Erstmals waren Blutbahnen und Organe des menschlichen Körpers sichtbar, ohne dass Haut aufgeschnitten werden musste. Als Synonym für diese Transparenz steht die Bezeichnung „gläsern“: Haut und Muskelgewebe sind durchsichtig und geben den Blick ins detaillierte Körperinnere frei, auf das aus Aluminium gegossene Skelett, die inneren Organe aus Plastik sowie Blutgefäße und Nervenbahnen aus Draht.

Zwischen 1928 und 1946 wurden in Dresden acht Gläserne Frauen und zwei Gläserne Männer hergestellt, die teils über Jahrzehnte hinweg in der ganzen Welt gezeigt wurden. Eine davon war der in Finnland gefundene Mann, der an seinen Entstehungsort zurückkehrte. Die 1935 gebaute Figur war bis in die Nachkriegszeit in Ausstellungen durch Europa getourt und dabei wohl auch auf der Pariser Weltausstellung 1937 zu sehen. Sie stand auch im Dienste der NS-Rassenideologie. In den 1950er-Jahren nahm den Gläsernen Mann ein deutscher Schausteller in sein „Anatomisches Museum“ auf, danach tourte er im Besitz verschiedener Kollegen auf Jahrmärkten und Schützenfesten. „Sein schlechter Zustand zeugt jedenfalls von einem bewegten Leben“, sagt Wingender. Sogar das „beste Stück“ des Mannes fehlt; auch mehrfacher Ersatz ging offenbar stets verloren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gingen die Gläsernen Figuren in Dresden in Serie, bis 1990 entstanden 56 Männer und 69 Frauen vor allem für Universitäten und Museen in der ganzen Welt. Auch fünf Pferde und acht Kühe wurden gefertigt. „Zu DDR-Zeiten waren die Gläsernen Figuren Verkaufsschlager und Devisenbringer“, sagt Roeßiger. Allerdings wurde später unempfindlicheres Acrylglas verwendet.

Bekannt ist der Verbleib von fünf Vorkriegsfiguren, drei sind in Deutschland. Das Deutsche Historische Museum Berlin hat einen Gläsernen Mann und die erste Gläserne Frau, die als Dauerleihgabe in einer Spezialvitrine der Dauerausstellung des DHMD steht. Die älteren Exemplare müssen besonders geschützt werden und brauchen konstante Bedingungen. „Das Cellon schrumpft, dadurch drücken die Innenteile gegen die Außenhülle“, erklärt Wissenschaftlerin Julia Radtke. „Wir können das im günstigsten Fall nur bremsen.“ Extreme Temperaturen und Luftdruckschwankungen sind Gift.

„Aus dem international begehrten anatomischen Anschauungsmodell ist ein museales, wissenschaftshistorisches Objekt geworden“, sagt Roeßiger. „Die Figuren haben heute auch eine kulturhistorische und gesellschaftspolitische Dimension, das verändert die Wahrnehmung solcher Objekte stark“, erklärt Wingender. Denn im Web-Zeitalter werde reines Anatomiewissen mit ganz anderen Medien vermittelt.

Die „Gläserne Sammlung“ des DHMD, zu der noch ein Gläserner Mann von 1962, eine Schwangere von 1988 und eine 1983 hergestellte Kuh gehören, ist dennoch für Ausstellungen angefragt. So war der Mann auf einer Biennale in Venedig und der Expo 2000 in Hannover. Auch die zurückgekehrte Cellon-Figur soll bis zu seinem „Auftritt“ noch eine Schönheitskur erhalten. In Kooperation mit der Hochschule für Bildende Künste werde geprüft, ob und wie der pflegebedürftige Neuzugang aus der Vorkriegszeit restauriert werden kann, sagt Museumsdirektor Klaus Vogel. „Falls das nicht gelingt, stellen wir ihn so aus, wie er ist.“

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