Unverwechselbarer Sound : Virtuose «Weltmusik»: Oi Va Voi mischen Pop und Klezmer

Mitreißendes Kollektiv: Oi Va Voi.
Mitreißendes Kollektiv: Oi Va Voi.

Es gibt sie noch: Bands, die einen unverwechselbaren Sound entwickeln und pflegen. Das Londoner Kollektiv Oi Va Voi vermischt auch auf seinem vierten Album Pop, Folk und Klezmer zu einer ganz eigenen «Weltmusik».

svz.de von
23. November 2018, 13:37 Uhr

«Herrjemine!» oder «Meine Güte!» - so lässt sich der jiddische Bandname des Projekts Oi Va Voi übersetzen. Wenn man die Musik dieses seit gut 15 Jahren in wechselnden Besetzungen bestehenden Londoner Ensembles hört, besteht für entgeisterte Ausrufe aber kein Anlass. Eher für Begeisterung.

Denn Oi Va Voi faszinieren seit ihrem offiziellen Studiodebüt «Laughter Through Tears» (2003) mit einer höchst originellen, virtuos angerichteten Stilmixtur aus ambitioniertem Indie-Pop, osteuropäischem Folk und oft schwermütiger Klezmer-Exotik. Der Oberbegriff «Worldmusic» für diese ungewöhnliche Melange trifft es da nur unzulänglich.

Auch auf ihrer vierten Platte «Memory Drop» (V2 Benelux/H'Art) - der ersten seit «Travelling The Face Of The Globe» (2009) - mischen Oi Va Voi wieder unterschiedlichste Einflüsse zu einem stimmigen Ganzen. Der kreative Kern der Band - Klarinettist/Sänger Steve Levi-Kalin und Schlagzeuger Josh Breslaw - hat sich nach neun Jahren Albumpause unter anderem mit Trompeter David Orchant, Geigerin Anna Phoebe und Gitarrist Michael Winawer zusammengetan, um zehn neue Songs einzuspielen.

Und was für wunderbare Lieder das sind! Den prachtvollen Opener «Arrival» bestreitet Levi-Kalin mit seiner nie ins platt Pathetische abgleitenden Crooner-Stimme, danach ist bei «Vanishing World» erstmals die neueste Entdeckung von Oi Va Voi dran: Zohara Niddam, eine aus Israel stammende Sängerin. Auch danach prägt ihr fabelhaft variabler Gesang das Album.

Angefangen bei der später zum Indie-Popstar avancierten Schottin KT Tunstall, hatten Oi Va Voi schon immer ein Händchen für tolle Sängerinnen. Sophie Solomon und Bridgette Amofah standen seither mit der Londoner Band im Studio und auf der Bühne. Nun also die schöne Zohara, äußerlich eine Mischung aus Amy Winehouse und Ofra Haza, auch stimmlich eine beeindruckende Erscheinung.

«Memory Drop» ist ein Album ohne Ausfall oder Lückenfüller, die Musik ist so eingängig wie komplex. In den feinen Soli von Violine und Klarinette wird der Balkanfolklore- und Klezmer-Anteil besonders deutlich, etwa im abschließenden «Shelter».

Live klingt diese zwischen Fröhlichkeit und Melancholie pendelnde Musik gleichermaßen mitreißend und berührend. Bei einem Gig im Berliner «Bi Nuu» traten Oi Va Voi als achtköpfiges Kollektiv auf und euphorisierten mit enormer Spielfreude und verschmitztem Charme.

Man kann nach diesen Eindrücken von Album und Clubkonzerten nur hoffen, dass sich die Band nicht wieder fast ein Jahrzehnt mit einem neuen Lebenszeichen Zeit lässt - und dass sie möglichst in der derzeitigen, wohl endlich perfekten Besetzung zusammenbleibt.

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