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Schallplatten im Trend : „Vinyl ist für immer“

vom
Aus der Onlineredaktion

130 Jahre nach ihrer Erfindung ist die totgesagte Schallplatte so lebendig wie schon lange nicht mehr

Für ein Medium, das in digitalen Zeiten funktionieren soll, haben Schallplatten denkbar schlechte Eigenschaften. Sie passen in keine Handtasche, und teilen lassen sie sich auch nicht. Doch auch 130 Jahre nach der Anmeldung des ersten Schallplattenpatents – im Frühjahr 1887 durch den deutsch-amerikanischen Erfinder Emil Berliner – widersetzen sich die sperrigen Tonträger ihrem Niedergang.

Waren es zunächst vor allem Liebhaber, die weiter auf Vinyl-Schallplatten setzten, als vor 25 Jahren die ersten CDs auf den Markt kamen, so ist die Schallplatte heute auf dem besten Weg zurück in den Mainstream. Sie ist gegenwärtig der einzige Tonträger, deren Absatz jährlich im zweistelligen Prozentbereich steigt.

Im vergangenen Jahr wurden  allein  in Deutschland 3,1 Millionen Schallplatten verkauft, wie der Bundesverband Musikindustrie mitteilte. Ein  Jahr zuvor waren es 2,1 Millionen. Der Umsatz mit den Vinyl-Tonträgern kletterte von 50 Millionen auf etwa 70 Millionen Euro. In Großbritannien stiegen die Verkaufszahlen mit rund 3,3 Millionen Alben gar auf den höchsten Wert seit 25 Jahren.

In Deutschland lässt sich der Vinyl-Boom besonders gut im Hamburger Schanzenviertel nachvollziehen, das mit die größte Dichte an Plattenläden in ganz Deutschland aufweist. Plattenläden mit Namen wie „Groove City“, „Slam Records“ oder „Freiheit und Roosen“ gruppieren sich hier im Umkreis weniger hundert Meter. Neben aktuellen Veröffentlichungen finden sich im Hamburger Szeneviertel Klassiker der Musikgeschichte, aber auch streng Limitiertes, das nur noch Liebhaber kennen.

Dass die Hamburger Vinyl-Szene keine analoge Insel im Meer der Digitalisierung ist, sondern Teil eines weltweiten Phänomens, zeigt die Dokumentation „Vinylmania“. In ihr versucht der Turiner Filmemacher und DJ Paolo Campana den Hype zu ergründen. In Plattenläden mit Namen wie „Rough Trade“ in London, „Amoeba“ in San Francisco oder „Space Hall“ in Berlin trifft der Filmemacher auf Menschen, die wie er von der Vinyl-Leidenschaft infiziert sind.

Denn an die erste Schallplatte erinnern sich die meisten Leute – an den ersten Download: kein Mensch. MP3 lassen sich kopieren. Sie haben keine Cover, die vom Wasser wellig werden und verwittern und sie lassen sich auch nicht anfassen.

„Man macht heute alles nebenbei, das ist nicht immer unbedingt gesund. Für eine Schallplatte muss man sich Zeit nehmen“, sagt Petra Funk von optimal media in Röbel an der Müritz, einem CD-Werk der Hamburger Edel AG. Das sei in schnelllebigen Zeiten ein Pluspunkt.

Als sich ihr Arbeitgeber 1995 völlig antizyklisch für den Kauf zweier alter Schallplattenpressen entschied, hatten sich die Großen der Branche – Musikverlage wie Universal – gerade von ihren Schallplattensparten getrennt.

„Aus den zwei Pressen sind 37 geworden. Und die Nachfrage ist jedes Jahr größer als das, was wir leisten können“, sagt Funk. Es ist ein Befund, der für die gesamte Branche gilt. So stieg die Firma GZ Media aus dem beschaulichen tschechischen Lodenice, die trotz Umsatzeinbrüchen in den 80er- und 90er-Jahren an der Vinyl-Fertigung festhielt, zu einem der weltweit größten Plattenhersteller auf.

Gehemmt wurde das Wachstum in der Vergangenheit vor allem durch die Schwierigkeit, funktionstüchtige Schallplatten-Pressen zu finden, sagt Funk. Inzwischen gebe es wieder Hersteller, die altbewährte Maschinen nachbauten. Das Niveau von vor der Digitalisierung werden die Schallplatten-Verkäufe wohl dennoch nicht mehr erreichen. Selbst in Großbritannien, wo die Plattenverkäufe 2016 einen Rekordwert der letzten 25 Jahre erreichten, machen Vinyl-Alben nur rund fünf Prozent aller verkauften Alben aus. In Deutschland liegt der Anteil bei 4,4 Prozent. Die Zahlen scheinen dennoch zu belegen, was Schallplattenfans längst wussten: „Vinyl ist für immer.“  

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