«Ikarien» : Uwe Timms neuer Roman über Utopien und ihr böses Ende

Uwe Timms neuer Roman «Ikarien» erscheint bei Kiepenheuer & Witsch. Kiepenheuer & Witsch
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Uwe Timms neuer Roman «Ikarien» erscheint bei Kiepenheuer & Witsch. Kiepenheuer & Witsch

Ein junger Amerikaner versucht 1945 herauszufinden, was hinter den Ideen zur Rassenhygiene der Nazis steckt. Dafür reist er ins kriegszerstörte Deutschland und macht dort irritierende Erfahrungen.

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19. September 2017, 14:23 Uhr

Rassenwahn und Wissenschaft sind nur scheinbar ein Widerspruch. Bei den Nazis ging das mühelos zusammen. Für den Mord an Behinderten oder psychisch Kranken lieferten Wissenschaftler die Begründungen, für den Judenhass sowieso. Eugenik galt als modern.

Alfred Ploetz war einer ihrer prominenten Vertreter, eine schillernde Figur, die Uwe Timm in den Mittelpunkt seines eindrucksvollen, mehr als 500 Seiten dicken Romans «Ikarien» stellt. Das Buch ist auch der Versuch, die Frage zu beantworten, mit der er sich jahrelang beschäftigt hat: Wie konnte es so weit kommen, dass ein kluger, gebildeter, idealistischer Mensch wie Ploetz schließlich zum Antisemiten und Vordenker der Rassenhygiene wurde?

«Für Dagmar» hat Timm dem Roman als Widmung vorangestellt, gemeint ist seine Frau, die Übersetzerin Dagmar Ploetz. Sie ist die Enkeltochter des Rassenhygienikers. Und noch einen persönlichen Bezugspunkt gibt es: Ploetz starb 1940, in dem Jahr, in dem Uwe Timm in Hamburg zur Welt kam.

Timms erste Erinnerungen reichen in die Zeit während des Krieges und kurz danach zurück. Sein berühmtes Buch «Die Erfindung der Currywurst» spielt in diesen Jahren, «Am Beispiel meines Bruders» erzählt auf berührende Weise von seiner Familiengeschichte - sein 16 Jahre älterer Bruder meldete sich freiwillig zur Waffen-SS und starb nach einer schweren Verwundung, als Uwe Timm noch ein Kleinkind war.

In «Ikarien» gibt es zu beiden Büchern Anknüpfungspunkte. Und trotzdem ist der neue Roman ganz anders. Er blickt weit zurück ins 19. Jahrhundert. Denn Timm will nicht nur erzählen, wie es in einem Land nach zwölf Jahren Diktatur und fast sechs Jahren Krieg aussieht.

Timm geht es auch darum, die ideen- und geistesgeschichtlichen Wurzeln freizulegen für den Wahn vom Herrenmenschen, den Glauben an die Überlegenheit der germanischen Rasse und an das Recht, all die zu töten, die die Rasse vermeintlich schwächen. Und so schickt er seinen Protagonisten, den in Hamburg geborenen US-Offizier Michael Hansen, als Mitglied einer Psychological Warfare Division nach Deutschland, um dort mehr über Alfred Ploetz, dessen Forschungen und rassenkundlichen Ideen herauszufinden.

Hansen, ein sympathischer Typ, der Nazis verachtet, aber den Kontakt zu den Deutschen sucht, macht dabei schnell Fortschritte. In Herrsching am Ammersee, wo Ploetz zuletzt gelebt hat, beschlagnahmt er eine Villa und beginnt mit seinen Untersuchungen. Sein wichtigster Zeuge ist ein 81-jähriger Antiquar, ein Pazifist und Kommunist, der in Dachau im KZ war und sich danach im Keller einer Buchhandlung versteckt hielt. Er erzählt ausführlich von seinem langjährigen Freund Alfred Ploetz, der in jungen Jahren von einer sozialistischen Gesellschaft der Gleichen träumte - und später von Rassenhygiene.

«Ikarien» ist ein denkbar knapper Titel. Er stammt aus einem Buch des französischen Frühsozialisten Étienne Cabet - Ikarien ist bei ihm ein Utopia, eine Welt, die nach sozialistischen Idealen funktioniert. Der junge Ploetz hat an sie geglaubt und sie pervertiert. Uwe Timm hat sich mit der Geschichte der Ikarier intensiv beschäftigt. Und er lässt viel davon in seinen vielschichtigen Roman einfließen, der ins Jahr 1945 zurückführt, aber auch in die Jahrzehnte davor, in denen sich die Ideen von der Rassenhygiene entwickelten, die die Euthanasie und den Holocaust gedanklich vorzubereiten halfen.

- Uwe Timm: Ikarien, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 505 Seiten, 24,00 Euro, ISBN: 978-3-462-05048-6.

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