Das letzte Buch von Günter Grass : „Unter gestrichelten Schatten Zuflucht suchen“

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Sargnägel und Herbstlaub: Im seinem letzten Buch „Vonne Endlichkait“ zog Günter Grass vor dem Tod einen Schlussstrich

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01. September 2015, 08:00 Uhr

Immer schon, wenn er vor die Tür trat und den Kuckuck hörte, zählte Günter Grass die Rufe. Sagt ein alter Volksglaube doch, der Vogel prophezeie die Jahre, die einem noch bleiben. Wie freute er sich, wenn das Rufen kein Ende fand. 27 zählte er einmal. Manchmal riefen gleich zwei im Wechsel. Zuletzt aber kam er beim Zählen nur noch auf dreieinhalb. „Sein vierter Ruf brach mittlings ab,/ verröchelte, erstarb.“ Sollte an dem alten Aberglauben doch etwas dran sein? Am 13. April 2015 starb der Literaturnobelpreisträger in Lübeck.

Mit „Vonne Endlichkait“ ist jetzt sein letztes Buch erschienen, an dem Grass „bis zur letzten Minute seines Lebens“ gearbeitet hat, wie sein Verleger Gerhard Steidl sagt, der von einem „beglückenden Abschiedsgeschenk“ spricht. Gut 100 Miniaturen, die die Grenze zwischen Gedicht und Prosa unterwandern und von Grass selbst illustriert sind. Der Kuckuck ist da zu sehen, Pfeifen, vertrocknete Kröten und immer wieder Federn neben Sargnägeln. Es ist bewundernswert, ja fast schon beängstigend, wie perfekt es diesem Großschriftsteller mit seinem letzten Buch gelungen ist, das Gesamtwerk abzuschließen, so dass er in einem seiner letzten Texte mit dem Titel „Bilanz“ rhetorisch fragen kann: „Das ist die Summe. Fehlt noch was,/ das unterm Schlussstrich zählen könnte?“

Nein, es fehlt nichts! Alles, was diesen Mann ausgemacht hat, ist versammelt. Der derbe Ton Ostpreußens klingt im Titel schon an und setzt sich in vielen Versen fort. Aktuelle Themen und Tagespolitik treiben den ehemaligen „Sozi“ immer noch um, der gegen Klimawandel, Internet und Drohnen ebenso wettert wie gegen Kanzlerin Angela Merkel, die beredt beschweigt, „was stören könnte“ und „wortreich nichts“ sagt, wie es im Gedicht „Mutti“ heißt. Die Kritik aber ist nicht mehr so moralinsauer, nicht mehr so oberlehrerhaft wie in früheren Tagen. Da ist mehr Selbstironie zu spüren, die alles erträglicher macht. Was ohne Frage am Alter liegt. Von den ernsten Themen soll „sonstwer erzählen, jemand, der Biss hat“, schreibt Grass, nachdem er berichtet hat, wie ihm auch der letzte Zahn ausgefallen ist.

Dem letzten Zahn, den er als Symbol der Vergänglichkeit „missbraucht“, hat er gleich mehrere Gedichte gewidmet. Als Flaschenpost will er ihn lossenden, als Schmuck an den Weihnachtsbaum hängen oder ihn gar zugunsten notleidender Banker versteigern. Dem Alter und dem nahenden Tod, die in allen Texten mitschwingen, tritt Grass mit ungebrochenem Schaffensdrang entgegen. Er will „tintensüchtig das Papier beflecken“ während „der Atem rasselt“. „Unter gestrichelten Schatten Zuflucht suchen. Jetzt sagen!“ Wenn er an seniler Bettflucht leidet, aufstehen und „mit gespitztem Blei das wabernde Nichts lichten“. Schlaf vergeudet eh nur Zeit.

Noch einmal ertönt die unbändige Wucht seiner Stimme. Schwermut oder Depressionen spürt er in seinen Versen nach, lässt sich von ihnen aber nicht unterkriegen. „Wie lange noch?“, heißt es da. „Warum überhaupt?“. „Angefangenes will unfertig bleiben. Fertiges sieht nur so aus.“ Sobald er aber „loskritzelt“, erwachen die alten Lebensgeister. Am Ende des Weges schaut Grass zurück, zieht Bilanz, wie er das seit „Mein Jahrhundert“ (1999) in sehr persönlichen Büchern wie „Beim Häuten der Zwiebel“ (2006) oder zuletzt „Sechs Jahrzehnte“ (2014) immer wieder getan hat.

Sicher: Hier arbeitete einer am eigenen Denkmal. Aber wer will ihm das verübeln? Bei so herrlichen Anekdoten?
Da erzählt er, wie er mit Briefmarken („Freistaat Danzig komplett“) den Pförtner der Düsseldorfer Kunstakademie bestochen hat, als er Anfang der 50er-Jahre vor dem „rheinischen Frohsinn“ floh und in Berlin weder Staffelei noch Modellierblock besaß. Wie ihm kürzlich Diebe die Särge aus dem Keller gestohlen haben, die er sich und der Frau hat fertigen lassen. Später sind „die Kisten“ wieder da. Nur die darin gelagerten Dahlienknollen fehlen. Oder er berichtet, wie ein Grüppchen Studenten ihm in Spanien ein eingeschweißtes Päckchen neuer Farbbänder für die alte Olivetti-Schreibmaschine schenkte, die es lang nicht mehr zu kaufen gibt. Zwar werden die Bänder von Jahr zu Jahr weniger. Bis „zum Schluss“ aber, so Grass, werden sie reichen. Ob sie wirklich gereicht haben? Bei diesem Schaffensdrang?

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