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ARD-Sonntagskrimi aus Erfurt : Tod eines „Tatorts“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zwei Schauspieler verlassen das Erfurter Ermittlertrio und besiegeln damit das Ende des ARD-Sonntagskrimis aus Thüringens Hauptstadt

von
erstellt am 08.Jan.2015 | 08:00 Uhr

Der Tod kam schnell und über Nacht. Es war Selbst- und Meuchelmord zugleich. In der Rolle der Mörder zwei junge Kommissare, die sich aus dem Erfurter „Tatort“-Team verabschiedeten und damit der gesamten Crew den Todesstoß versetzten.

Was ist geschehen? Die Geschichte ist schnell erzählt. Vor 14 Monaten ermittelte das junge „Tatort“-Team aus Erfurt erstmals auf dem Bildschirm. Die erste Folge des MDR-„Tatorts“ – „Kalter Engel“ – lief am 3. November 2013 im Ersten. Kurz vor Weihnachten 2014 war die zweite Folge – „Der Maulwurf“ – zu sehen.

Beide Krimis lösten, vorsichtig gesagt, keine große Begeisterung bei Kritikern und Fans aus. Das jüngste Ermittlerteam der „Tatort“-Reihe um die Kommissare Maik Schaffert (Benjamin Kramme), Henry Funck (Friedrich Mücke) und Johanna Grewel (Alina Levshin) wirkte überdreht und bis zur Albernheit in Sprache und Gebaren auf Jugendlichkeit getrimmt. Man kennt das ja: Wenn Erwachsene sich pseudocool jungen Leuten in deren Sprache anzubiedern versuchen, wirkt das nur peinlich. Hinzu kamen die schwachen Drehbücher, die Geschichten waren vorhersehbar und unlogisch.

Auf der Fanrangliste des Internetportals tatort-fundus.de fanden sich „Der Maulwurf“ auf dem beschämenden Platz 842 und der Erstling „Kalter Engel“ auf Platz 636 wieder.

Schauspieler wollen geliebt werden, wenn Kritik und Publikum diese Liebe verweigern, leiden sie. Vielleicht haben zwei der drei Hauptdarsteller des Erfurter Ermittlertrios, Friedrich Mücke und Alina Levshin, darum die Reißleine gezogen und entschieden, aus ihren Rollen in der ARD-Krimireihe auszusteigen. Nach nur zwei Folgen. „Damit verabschieden wir uns nicht nur von wunderbaren Schauspielerpersönlichkeiten, sondern in der Folge auch von der Idee des Erfurter Ermittler-Trios“, ließ der MDR gestern mitteilen. Neue Pläne für einen Erfurt-„Tatort“ gebe es nicht, sagte eine Sendersprecherin. Das klingt nicht sehr kämpferisch. Aber der MDR hat ja mit den verrückten Ermittlern aus Weimar (Nora Tschirner und Christian Ulmen) und dem Leipzig-Team Saalfeld/Keppler (Simone Thomalla und Martin Wuttke) zwei weitere Eisen im Feuer, auch wenn die beiden im kommenden Jahr durch ein rein weibliches Polizeiteam in Dresden ersetzt werden.

Dieses kleine MDR-„Tatort“-Personalienchaos mit dem aktuellen Tod des Erfurter ARD-Sonntagabendkrimis wirft aber auch die Frage auf, ob uns auf dem besten Sendeplatz, den das deutsche Fernsehen zu vergeben hat, nicht zu viel „Tatort“- und „Polizeiruf“-Kost vorgesetzt wird.

2014 gab es 36 „Tatort“-Erstausstrahlungen – sechs davon allein in der Weihnachtszeit innerhalb von nur vier Wochen. Von den vielen Wiederholungen gar nicht zu reden. Auch der „Polizeiruf 110“ – vom Brandenburger mit Horst Krause bis zum Rostocker mit Charly Hübner – holt Spitzenzuschauerzahlen.

Natürlich, die ARD-Sonntagskrimis sind nicht nur Filme, sondern in vielen Familien Kult und am nächsten Tag Gesprächsstoff in Kantinen und Kneipen. Auch eine Marke, auf deren Qualität man gemeinhin vertrauen kann. Was gelegentliche Enttäuschungen nicht ausschließt. Aber die besten deutschen Schauspieler, TV-Regisseure und Drehbuchschreiber garantieren eben auch gute bis ausgezeichnete Filme. Und immer neue Ermittler, bald u.a. große Schauspielerinnen wie Dagmar Manzel oder Meret Becker, sichern der ARD das anhaltende Interesse der Zuschauer.

Dennoch ist zuweilen schon eine gewisse Ermüdung im Freundes- und Kollegenkreis zu konstatieren. 34 aktuelle und 13 neue Ermittlerteams im Jahr 2015 – wer soll denn da noch durchsehen? Und ist es nicht auch ein Armutszeugnis, wenn deutsche Realität – von rechter Gewalt über Drogen, Frauenhandel oder Kindesmissbrauch – vor allem im Krimigenre zu Hause ist?

Aber die Leute wollen „Tatort“ und Co. sehen, die Einschaltquoten beweisen es doch, wenden die Fernsehmächtigen ein. Ein Argument, dem nur schwer zu widersprechen ist.

Es stimmt, der ARD-Sonntagskrimi ist vor allem im vergangenen Jahrzehnt zu einer wahren Erfolgsgeschichte geworden, mit Rekordquoten von oft über zehn Millionen. Die von Jan Josef Liefers, Axel Prahl, Anneke Kim Sarnau oder Ulrich Tukur noch überboten werden können. Selbst in Kneipen und den Sozialen Medien finden sich inzwischen Gemeinschaften, die jeden neuen „Tatort“ leidenschaftlich diskutieren.

Dennoch: Der Sättigungsgrad der deutschen TV-Landschaft mit „Polizeiruf 110“ und „Tatort“ scheint erreicht. Selbst mit zu viel guter Schokolade kann man sich den Magen verderben.

Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass die ARD auch künftig neue Kommissare an die TV-Front schicken wird. Sollten es Ermittler mit Charisma, Witz und hohem künstlerischen Anspruch sein, die in starken Geschichten agieren, werden die Zuschauer sie lieben. Wenn nicht, dürften sie abgewählt werden. Wie der Erfurter „Tatort“.

Übrigens: Ein schneller Abgang ist in der „Tatort“-Geschichte keine Seltenheit. Etwa 30 Ermittler verabschiedeten sich bereits nach ein oder zwei Fällen, darunter Christoph Waltz als Inspektor Passini im Wiener „Tatort“.

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