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Strandidylle : Thomas Manns Sommerhaus in Nidden

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Angetan von der Sehnsuchtslandschaft baut sich Thomas Mann ein Sommerhaus auf der Kurischen Nehrung. Dort verlebt der frischgebackene Literaturnobelpreisträger eine unbeschwerte Zeit. Allerdings nur kurz.

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erstellt am 22.Aug.2017 | 09:21 Uhr

Für Thomas Mann war es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Nur wenige Tage im Sommer 1929 genügten dem berühmten Autor, um sein Herz an die Landschaft der Kurischen Nehrung zu verlieren.

Überwältigt von der Eigenart und Schönheit der Natur ließ sich der Schriftsteller (1875-1955) im litauischen Fischerdorf Nida ein Sommerhaus errichten. Dort entstanden Teile seiner Roman-Tetralogie «Joseph und seine Brüder». Doch Mann und seine Familie sollten nur drei Sommer in ihrem Ferienheim an der Ostsee verbringen können. Die Machtübernahme der Nazis zwang ihn ins Exil.

«Den Traum vom eigenen Sommerhaus hatte Thomas Mann bereits auf früheren Reisen gehabt. Doch erst hier sollte er ihn sich erfüllen», sagt Lina Motuziene. Die Litauerin ist Leiterin des Thomas-Mann-Kulturzentrums, das zusammen mit einem Museum seit Mitte der 1990er Jahren in dem rotbraunen Holzhaus mit Reetdach und im «Niddener Blau» gehaltenen Fensterläden und Giebelkanten untergebracht ist.  

Entdeckt hatten Thomas Mann und seine Ehefrau Katia den idyllischen Landstrich eher zufällig am Rande einer Reise nach Königsberg (heute: Kaliningrad) im damaligen Ostpreußen. Einer Empfehlung folgend fuhren sie für die letzten Ferientage in das einstige Nidden, das bis Ende des Ersten Weltkrieges zum deutschen Memelland gehörte und sich zu einer Künstlerkolonie entwickelt hatte.

Der kurze Aufenthalt hinterließ einen tiefen Eindruck. «Die phantastische Welt der Wanderdünen, die von Elchen bewohnten Kiefern- und Birkenwälder zwischen Haff und Ostsee, die wilde Großartigkeit des Strandes haben uns so ergriffen, dass wir beschlossen, an so entlegener Stelle einen festen Wohnsitz zu schaffen», beschrieb Thomas Mann die Beweggründe für den Bau des Niddener Sommerhauses. 

Ein Jahr später war das von einem lokalen Architekten im Stil einer Fischerkate errichte Anwesen fertig. Am 16. Juli 1930 konnte die Familie Mann in ihren schlichten, aber nach örtlichen Maßstäben komfortablen Sommersitz einziehen. Finanziert wurde der Bau mit dem Preisgeld für den Literatur-Nobelpreis, den Mann Ende 1929 für seinen ersten Roman «Buddenbrooks» erhalten hatte.

Die Anreise vom Zuhause in München war beschwerlich und dauerte zwei Tage: Erst mit dem Zug nach Berlin und dann weiter nach Königsberg. Von dort aus ging es mit dem Taxi nach Cranz (heute: Selenogradsk) an der Ostseeküste und schließlich mit dem Salondampfboot ins litauische Nidden. Dazu brauchten die Manns damals wie alle Besucher aus Deutschland ein auf dem Schiff erwerbbares Visum.

Bei ihrer Ankunft erwartete die prominenten Urlaubsgäste ein großer Menschenauflauf. Auch danach sollte die Schriftstellerfamilie reges Interesse auf sich ziehen - Nidden erlebte durch ihren Aufenthalt einen Aufschwung im Tourismus. Heute ist es erneut Anziehungspunkt für Touristen besonders aus Deutschland, die in den Sommermonaten das Thomas-Mann-Haus besuchen. 

Umringt von Dutzenden Schaulustigen machten sich die Manns mit einer Pferdekutsche auf den Weg hinauf zum sogenannten Schwiegermutterberg, wie im Museum ausgestellte Bilder zeigen. Dort auf der Anhöhe befand sich «Onkel Toms Hütte», wie das sich natürlich in die Umgebung einfügende Sommerhaus schon bald im Volksmund genannt wurde. Thomas Mann selbst bezeichnete es als seine «sommerliche Heimat.»

Nach Zerstörungen im Krieg und Umbauten in der Sowjetzeit erstrahlt das Haus nach einer Renovierung vor gut 20 Jahren heute wieder scheinbar unversehrt im alten Glanz. Das Mobiliar allerdings fehlt - es wurde nach dem Zweiten Weltkrieg geplündert. Dafür vermitteln die Fotos, Zeitungsausschnitte und Schautafeln der Dauerausstellung eine Vorstellung vom Leben und Wirken der Manns in Nidden.

In der unteren Etage liegt das Wohnzimmer mit Kamin und der Veranda, von der sich ein traumhafter Blick auf das Kurische Haff auftut. Wie auch vom Arbeitszimmer des Hausherrn in der darüberliegenden Mansarde - Thomas Mann sprach von seinem «Italienblick». So leicht auszumachen ist er heute jedoch nicht mehr - die hochgewachsenen Kiefer am Dünenhang verstellen inzwischen etwas die Sicht. 

In seinem kleinen, von den jährlich rund 50 000 Besuchern des Hauses oft ehrfürchtig betretenen Arbeitszimmer widmete sich Mann auch in den Ferien der Arbeit. «Er hatte immer einen sehr strengen, disziplinierten Tagesablauf», erzählt Motuziene. Darauf habe die Familie Rücksicht zu nehmen gehabt.

Nach dem Frühstück und einem kurzen Waldspaziergang habe sich Mann an seinen Schreibtisch zurückgezogen und am zweiten und dritten Teil seiner Josephs-Geschichten gearbeitet. Angeblich sollen ihm die Dünen der Nehrung zur Schilderung der Wüstenlandschaft Ägyptens angeregt haben. Mittags sei Mann dann der Familie für einen Abstecher an den Strand gefolgt, schildert Motuziene. Danach las er, korrespondierte mit Redaktionen und Verlagen, schrieb Briefe an Freunde und Bekannte. Abends sei Musik gehört oder selbst musiziert worden.

In Nidden verfasste Mann ferner den 1931 vor dem Rotary Club München gehaltenen Vortrag «Mein Sommerhaus» mit seinen Eindrücken von der Kurischen Nehrung. Überliefert sind zudem einige Berichte aus seinen Niddener Tagebücher, die er später im Exil in den USA verbrannt hat. Vom Alltag der Manns im Urlaub zeugen auch im Sommerhaus ausgestellte Bilder von der Familie am Strand oder beim Tee auf der Terrasse.   

Während der große Literat in seine Arbeit vertieft war und die Öffentlichkeit mied, genossen seine mitreisenden Kinder ihre Zeit an der Ostsee. Nidden sollte jedoch nur kurze Zeit ein unbeschwertes Sommerparadies für die Manns bleiben. Die damalige politische Entwicklung in Deutschland warf ihre dunklen Schatten auch auf das malerische Fischerdorf.

Nach einer Polemik im «Berliner Tageblatt», in der er Angriffe auf NSDAP-Gegner in Königsberg verurteilte und vor der wachsenden Gefahr der «Volkskrankheit» Nationalsozialismus warnte, fand Thomas Mann im August 1932 ein Paket vor seinem Sommerhaus. Darin befand sich ein verkohltes Exemplar der «Buddenbrooks». Zunehmend lauter schallten von der nahen Grenze auch die Marschlieder der Hitlerjugend herüber - das Ferienidyll hatte seine Unschuld verloren. 

Ohne zu wissen, dass er «das schöne Fleckchen Erde» nicht wiedersehen würde, verließ der Schriftsteller im September 1932 sein geliebtes Nidden. Der Abschied sollte ein endgültiger sein. «Wir würden dort ohne Frage umgebracht werden. Wir haben längst nicht mehr erwogen, dorthin zu gehen», schrieb Manns Sohn Klaus später an einen Freund.

Nach der Machtergreifung Hitlers wanderte die Familie 1933 aus Deutschland aus und emigrierte nach der Ausbürgerung in die USA. Thomas Mann sollte nie mehr nach Nidden zurückkehren, das für ihn aus Sicht seines Lieblingsenkels Frido zu einem «Refugium, vielleicht sogar einer Art Vor-Exil» geworden war.

Thomas-Mann-Kulturzentrum

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