Debüt von Angie Thomas : «The Hate U Give»: Starkes Plädoyer gegen Rassismus

In dem neuen Roman «The Hate U Give» von Angie Thomas geht es um jahrhundertealte Konflikte zwischen Schwarzen und Weißen, Polizeigewalt, Drogenkriminalität und Bandenkriege. Doch es ist vor allem auch ein Plädoyer für Menschlichkeit und Toleranz. /cbt/Random House
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In dem neuen Roman «The Hate U Give» von Angie Thomas geht es um jahrhundertealte Konflikte zwischen Schwarzen und Weißen, Polizeigewalt, Drogenkriminalität und Bandenkriege. Doch es ist vor allem auch ein Plädoyer für Menschlichkeit und Toleranz. /cbt/Random House

«The Hate U Give» heißt das Romandebüt der Amerikanerin Angie Thomas. Es geht um jahrhundertealte Konflikte zwischen Schwarzen und Weißen, Polizeigewalt, Drogenkriminalität und Bandenkriege. Doch es ist vor allem auch ein Plädoyer für Menschlichkeit und Toleranz.

svz.de von
26. September 2017, 15:30 Uhr

Die 16-jährige Starr ist hübsch, klug - und schwarz. Und sie besucht eine «weiße» Schule. Irgendwo im Süden der USA. Es gibt nur zwei farbige Kids an dieser High School. Sie sind hier Paradiesvögel, gelten als Trendsetter und generell als cool.

Starr bemüht sich sehr, diesem Status zu entsprechen, auch wenn er mit einer Metamorphose verbunden ist. Denn sobald sie die «Williamson» betritt, verlässt sie ihre ursprüngliche Welt, das schwarze Viertel Garden Heights. Die Balance zwischen den beiden Fixpunkten zermürbt. Und doch trennt sie sie strikt, bis ihr Leben eines Tages aus den Fugen gerät. Ihr bester Freund aus Kindertagen wird vor ihren Augen von einem weißen Polizisten hinterrücks erschossen.

«The Hate U Give» überschrieb die Amerikanerin Angie Thomas ihr Romandebüt und lieh sich dafür eine Zeile aus einem Song des Rappers Tupac Shakur (1971-1996): «The Hate U Give little Infants Fucks Everybody». Ein ebenso trauriger wie passender Titel für ein «Geschenk» der Gesellschaft an ihre Kinder mit Bumerang-Effekt - auch für das Buch. Und doch wird den Kindern nicht nur Hass, sondern auch die Fährigkeit zur Liebe, zum Verstehen und zur gegenseitigen Akzeptanz mitgegeben. Starr hat von Letzterem eine Menge mitbekommen, nicht zuletzt dank ihrer aufgeklärten und umsichtigen Eltern.

Als allerdings der unbewaffnete Khalil ohne Grund von Polizeikugeln tödlich getroffen wird, muss auch sie sich gegen aufkeimende Hassgefühle wehren. Und gegen die Angst. Sie, die Augenzeugin des Mordes, weiß, dass sie mit einer Aussage nicht nur sich selbst und ihre Familie gefährdet, sondern den immer schwelenden und mal mehr, mal weniger offen gezeigten Hass weiter anheizt. Zu schweigen, empfindet Starr als Verrat an Khalil.

Aber es geht auch darum, dass sie, die mit einem weißen Jungen liiert ist und Schulfreundinnen mit weißer Hautfarbe hat, durch die Schilderung des Vorfalls ihre Ghettoherkunft vor den Mitschülern preisgeben würde. Damit würde ihre Fassade mehr als rissig. Das Mädchen steckt in einem Dilemma. Es kann nur verlieren. Denkt es. Wie die in Jackson (US-Bundesstaat Mississippi) aufgewachsene und heute hier lebende Angie Thomas den Konflikt angeht, der sich zu einem mörderischen Drama mit folgenschweren Rassenunruhen, Polizeiwillkür, rivalisierenden Gangs, Bandenkriegen und berührenden Schicksalen auswächst, ist authentisch und mitreißend geschildert.

Die Autorin - früher selbst Rapperin - trifft haargenau den Ton der rebellierenden Jugend in den Staaten und jeden Leser ins Herz. Und das liegt vor allem an der unwiderstehlichen Starr, ihrer mit viel Empathie ausgestatteten verzweigten Familie und an dem grandiosen Talent der Autorin, ihre Stimme gegen eines der großen Probleme der Gesellschaft mit Überzeugungskraft zu erheben. Was auffällt: In dieser Fiktion, die doch so häufig - auch in jüngster Zeit wieder - leider zur Realität wird, gibt’s keine Schwarz-Weiß-Malerei, keine Klischees.

Gut und Böse sind - so merkwürdig das auch klingen mag - gerecht verteilt. Der Blick in die Seele lässt die Hautfarbe außer acht. Vielmehr erfasst er menschliche Regungen in allen Facetten. Hatte Angie Thomas vor, ein aufrüttelndes Jugendbuch zu schreiben, so ist ihr das nicht nur dank der lässigen, Slang durchsetzten Sprache bestens gelungen, sondern auch, weil sie die Gefühle dieser Altersgruppen exakt eingefangen hat. Und mehr noch: «The Hate U Give» ist ein Generationen übergreifender Roman, ein überzeugendes Plädoyer für Toleranz und Gerechtigkeit und gegen Rassismus in jeder Form.

Angie Thomas: The Hate U Give, cbt Verlag, München, 512 Seiten, 17,99 Euro, ISBN 978-3- 5701-6482-2

The Hate U Give

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