Wie eine Schatzkammer : Spurensuche - Die Herzogin und ihr kostbares Buch

Die Herzogin Maria von Geldern (1380-1429) in der berühmten Darstellung ihres Gebetbuchs in der Ausstellung.
Die Herzogin Maria von Geldern (1380-1429) in der berühmten Darstellung ihres Gebetbuchs in der Ausstellung.

Das Gebetbuch der Maria von Geldern ist ein Juwel der mittelalterlichen Kultur. Doch kaum einer kennt es. Es ist vom Zerfall bedroht. Nun aber ist es Star einer Ausstellung - zum ersten und voraussichtlich zum letzten Mal.

svz.de von
11. Oktober 2018, 16:33 Uhr

Wie ein professionelles Model steht sie da in ihrer blauen langen Seidenrobe. Elegant schiebt sie eine Hüfte nach vorne, in den Händen hält sie ein Buch. Um ihren Kopf schweben Engel. Maria - aber nicht etwa die biblische Mutter Jesu, sondern die Herzogin Maria von Geldern (1380-1429).

In dieser Pose ließ sie sich abbilden in ihrem Gebetbuch. Die bisher größte Ausstellung über dieses kostbare mittelalterliche Kulturgut und seine Herausgeberin ist ab Samstag im niederländischen Nimwegen nahe der deutschen Grenze zu sehen.

An Selbstbewusstsein mangelte es dieser Frau sicher nicht. «Sie war eine faszinierende und wichtige Frau», sagte Johan Oosterman, Professor für mittelalterliche Literaturwissenschaft an der Radboud Universität von Nimwegen am Donnerstag. «Doch man hat sie vergessen.»

Maria von Geldern wäre wohl eine Fußnote der Geschichte geblieben, hätte sie nicht ihr Gebetbuch hinterlassen. «Es ist einzigartig», sagte der Professor. Das Gebetbuch hat 1200 Seiten, die literarische Qualität der Texte und der künstlerische Ausdruck der über 100 Miniaturen ist außergewöhnlich.

Noch 600 Jahre später begeistert das Buch der Herzogin die Wissenschaftler. Und nun auch die Museumsbesucher. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten und wohl auch zum letzten Mal sind 40 Seiten zu sehen.

Das Buch ist so kostbar, dass es jeder sehen müsste. Doch es ist zu kostbar, um gezeigt zu werden. Das Paradox erlebte sogar Professor Oosterman, als er das Buch 2014 in der Staatsbibliothek in Berlin, wo das Buch aufbewahrt wird, anschauen wollte. Ging gar nicht. Das Buch drohte zu zerfallen. «Für die Benutzung gesperrt!», stand mit großen roten Buchstaben deshalb auf der Schatulle.

Es war der Anfang eines besonderen Projekts. Die Universität aus Nimwegen und die Staatsbibliothek sammelten Geld für Restaurierung und Forschung. Ein Ergebnis ist nun die Ausstellung. Und weil es ein deutsch-niederländisches Projekt ist, wurden auch alle Texte sowie der Katalog ins Deutsche übersetzt.

Nun liegen die kostbaren Pergamentseiten in den Vitrinen - der Raum ist wie eine geheimnisvolle Schatzkammer gestaltet. Das Gold glänzt, die Farben sind frisch. An den Seitenrändern ranken sich feine Blüten. Durch die Lupe sieht man die atemberaubende Schönheit der Miniaturen. Die fein gezeichneten Gesichter, die Falten der Gewänder, Tiere und Blumen - nur wenig größer als eine Briefmarke.

Die Wissenschaftler erforschten auch das Leben der Herzogin, der Auftraggeberin des Buches. Sie war als französische Prinzessin Maria d'Harcourt geboren worden und jahrelang Hofdame am französischen Hof. Dort war sie umgeben von Intellektuellen und Künstlern. 1405 heiratete sie Rainald IV, Herzog von Geldern und Jülich. Damals war die Region beim Niederrhein eine reiche und kulturell blühende Gegend.

Maria führt mit ihrem Mann ein Jet-Set-Leben. Sie reisten viel, immer mit großem Gefolge und Marias Pappagaien. Es war ein Leben der Happy Few, aber im Mittelalter nicht immer sehr glamourös. Vor ihrer Ankunft im Schloss Rosendael etwa, so erfährt man in den Archiven, musste erst gejagt werden. Man fing 155 Ratten.

Maria umgab sich mit Malerei, Musik und Literatur. Und sie mischte sich kräftig in die Staatsgeschäfte ein. Das Leben der Herzogin wird nun erzählt mit Schmuck, Kleidung, Dokumenten und ihrem Buch.

Die ersten ausgestellten Seiten können nicht für die gesamte Dauer der Ausstellung gezeigt werden. Zur Hälfte werden sie gegen 20 andere ausgetauscht. Dann werden sie wieder sicher verwahrt und, so befürchtet der Professor, nie wieder ausgestellt.

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