Archäologie MV : Spurensuche an alten Schiffsplanken

Jens Auer begutachtet eine Wrackplanke.  Fotos: nordreport
1 von 2
Jens Auer begutachtet eine Wrackplanke. Fotos: nordreport

Mit kriminalistischem Gespür und Gerät gehen Archäologen einer Sensation auf den Grund. In Wismar geborgene Wracks überraschen durch ihre perfekte Bauweise.

svz.de von
04. Februar 2018, 05:00 Uhr

Die Szenerie erinnert an einen Krimi: Mit einem Streifenlicht-Scanner, wie ihn Polizisten zum Abbilden eines Tatortes benutzen, fährt die junge Frau über uralte Eichenplanken. Im flackernden Licht des Hightech-Gerätes entstehen Hunderte von Aufnahmen, am Laptop ergeben die Daten ein dreidimensionales Modell.

Seit einigen Jahren nutzen Archäologen das 3D-Scan-Verfahren, um Funde zu digitalisieren, erklärt Marie Couwenberg. Die Produktdesignerin aus Belgien gehört seit Januar zu einem Team des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, das in Schwerin mittelalterliche Wracks aus Wismar akribisch dokumentiert.

Nacheinander drei Schiffe wurden ab April 2016 bei der Munitionsbergung im Wismarer Hafen entdeckt und mittels dendrochronologischer Untersuchung auf eine Entstehungszeit um 1200 bis 1250 datiert, wie Landesarchäologe Detlef Jantzen sagt. Das Wrack-Trio nordischer Bauart sei eine Sensation. „Diese Schiffe sind eine echte Neuentdeckung.“ Über Monate wurden die Funde Stück für Stück an Land gehievt, Ende 2017 war die Bergung abgeschlossen.

Derzeit würden in Kopenhagen weitere Dendro-Proben analysiert, um Alter, Herkunft – wahrscheinlich Norwegen oder Schweden – und Fahrtrouten genauer bestimmen zu können, erklärt Projektleiter Jens Auer. „Wir lesen im Holz“, sagt der Archäologe. Dank ihrer Größe und des sehr guten Erhaltungszustandes gäben die Funde viele Informationen preis. Das zuletzt entdeckte, tief im Meeresboden versunkene dritte Schiff sei ein besonderer Glücksfall für die Wissenschaft, da beinahe die Hälfte gerettet werden konnte.

Dieses letzte Wrack sei mit rund 25 Metern Länge und acht, neun Metern Breite besonders groß. „Ein Nachfahre der Wikingerschiffe, sehr robust, damit hätte man über den Atlantik segeln können“, sagt Auer. „Die Backbordseite ist fast vollständig erhalten.“ An den Planken sind die rund gefeilten Nagelköpfe gut sichtbar sowie Zierrillen und Spuren – sogenannte Signaturen – mittelalterlicher Werkzeuge wie Beitel oder Breitaxt. „Das ist Handwerkskunst par excellence, kein Pfusch, absolut perfekt, stabil, aufwändig, funktional und unglaublich schön“, lobt Auer. „Die Schiffbauer damals haben sich noch richtig Mühe gegeben!“ Das aus nordischer Kiefer und Eiche gebaute Lastschiff wurde mit einem großen Segel angetrieben, war aber zuletzt ohne Fracht unterwegs. Möglicherweise lag es wie die zwei anderen Funde auf Reede oder in der Werft, bevor es sank und über die Jahrhunderte unter Sand und Lehm begraben wurde, meint Landesarchäologe Jantzen. Da weder Kiel noch Steven gefunden wurden, sei zu vermuten, dass die Balken abgebaut und für neue Schiffe wiederverwendet wurden. „Recycling im Mittelalter.“

Vergleichbar mit den „spektakulären“ Wismarer Wracks sei „the big ship“ (das Große Schiff) von Bergen (Norwegen), erklärt Auer. Fragmente dieses einst abgebrannten Fahrzeugs aus Kiefernholz wurden 1962 ausgegraben, sie waren im 13. Jahrhundert in Fundamenten von Hafengebäuden verwendet worden.

Von Wismars Wracks, deren Bauzeit eng mit der Gründung der Hansestadt zusammenfällt, sei viel mehr erhalten als vom Bergen-Schiff, betont Jantzen. „Diese Funde werden einige Lücken in der Historie schließen und ein neues Licht auf Schiffbautraditionen und Geschichte der Hanse werfen.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen