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Kultur : „Sprache ist ein sehr emotionales Thema“

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Kiezdeutsch-Forscherin über Erfolg von „Fack Ju Göhte“: Auch Schüler an Brennpunktschulen kennen Höflichkeit

svz.de von
erstellt am 18.Jan.2014 | 00:35 Uhr

Es ist der Überraschungsfilm der Saison: Mehrere Millionen Zuschauer haben „Fack Ju Göhte“ bereits in den Kinos gesehen. Die Schulkomödie um den entlassenen Häftling Zeki Müller, der als Aushilfslehrer eine Klasse von Problemschülern wieder auf Kurs bringt, gilt damit als einer der größten deutschen Kinohits überhaupt. Kultstatus genießen schon jetzt Dialoge wie der empörte Ausruf einer Schülerin: „Ganz ehrlich, Herr Müller, sind Sie geborderlined oder was, Sie Geisterkranker?“ oder „Ey, das ist Pimkie, das geht vielleicht nie wieder raus!“

Im Interview mit Joachim Heinz erklärt die Potsdamer Germanistin Heike Wiese, was solche Sprüche mit ihrem Forschungsgebiet Kiezdeutsch zu tun haben. Und welchen Anteil Sprachspiel und Sprachwitz an dem Erfolg des Streifens haben.

 

Frau Wiese, jede Menge Halbsätze, dazu ein kreativer Mix aus deutschen und nicht-deutschen Wörtern, gepaart mit unfreiwillig komischen Elementen wie der Neuschöpfung „Geisterkranker“ anstelle von „Geisteskranker“ – trifft das den Kern der Jugendsprache oder des Kiezdeutschen, wie Sie es erforschen?

Wiese: Manches von dem kommt mir durchaus bekannt vor, anderes wiederum nicht. Das muss aber nichts heißen. Ausdrücke, die in Berlin völlig geläufig sind, können in Hamburg unbekannt sein und umgekehrt.

Was aber sicher nicht der Realität entspricht, ist die krasse Gegenüberstellung: Auf der einen Seite Schüler, die ausschließlich und immer Jugendsprache oder Kiezdeutsch sprechen und auch nur darauf reagieren – und auf der anderen Seite die Lehrer, die jederzeit in der korrekten Hochsprache unterwegs sind. Klar, wir reden hier über eine Komödie...

Aber?

Tatsächlich sind die Erfahrungen, die wir bei unseren Studien machen, ganz andere. Da treten uns die Schüler auch in sogenannten Brennpunktschulen oft so höflich gegenüber, dass wir als Forscher echte Probleme bekommen.

Warum?

In den Interviews fallen dann gar keine Ausdrücke aus dem Kiezdeutschen mehr.

Auch diese Jugendlichen haben also ein Gespür für Konventionen?

Genau. Umgekehrt verstößt der klassische Bildungsbürger ständig gegen die standardsprachliche Norm. Wenn ich mich mit meinen Freunden auf ein Bier treffen, benutze ich beispielsweise das Wörtchen „wegen“ mit dem Dativ. Das passt hier besser und ist in dieser Situation eben die korrekte Form; der Genitiv würde da blasiert klingen.

Warum reagieren wir so stark auf Sprache?

Weil es sich um ein ganz wichtiges soziales Signal handelt. Wir alle bewerten unsere Mitmenschen über Sprache, stärker noch als zum Beispiel über die Kleidung. Das führt natürlich zu Vorurteilen und Klischees – etwa dem, dass jemand, der Kiezdeutsch spricht, automatisch als Versager wahrgenommen wird. Oder dass es uns amüsiert, wenn ein dunkelhäutiger Mensch plötzlich breitestes Bayrisch spricht.

Kann ein Film wie „Fack Ju Göhte“ etwas zur wissenschaftlichen Diskussion über Jugendsprache und Kiezdeutsch beitragen?

Natürlich. So ein Film verrät ja auch viel über die Einstellung zur Sprache. Verwertbares Datenmaterial zu bestimmten sprachlichen Phänomenen würde ich von solchen Komödien allerdings nicht erwarten. Da gab eine Doku wie „Prinzessinnenbad“ von 2007 über drei Teenager aus Berlin-Kreuzberg mehr her.

Vor eineinhalb Jahren hat der Münchner Beck-Verlag Ihr Sachbuch über das Kiezdeutsch herausgebracht – hat sich seither die Diskussion über das Thema geändert?

Ich denke, der Ansatz, Kiezdeutsch als Dialekt zu betrachten, der in einem besonderen sozialen Umfeld, nämlich in multiethnischen und mehrsprachig geprägten Großstadtvierteln auftaucht, hat die Diskussion versachlicht. Zumindest, was die Debatte in den Medien betrifft. Aber es bleibt dabei: Sprache ist ein sehr emotionales Thema, weil sie unseren Alltag und unsere Gesellschaft in besonderer Weise bestimmt.

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