Schlossfestspiele Schwerin : Singen für die Wahrheit

Sie singen bei den Schlossfestspielen auf dem Alten Garten in Schwerin die Partien der Violetta und des Alfredo: Gabriela Herrera und Adorján Pataki.
Sie singen bei den Schlossfestspielen auf dem Alten Garten in Schwerin die Partien der Violetta und des Alfredo: Gabriela Herrera und Adorján Pataki.

Die Sopranistin Gabriela Herrera und der Tenor Adorján Pataki singen bei den Schlossfestspielen die Partien der Violetta und des Alfredo.

svz.de von
03. Juli 2015, 12:00 Uhr

Zuerst ein Foto inszenieren. Violetta zieht ihre kuschelige Jacke zu – Sommer in Paris. Hier liegt Paris am See, der den Wind kühlt. „È strano!“, wird sie singen, ja, „’s ist seltsam!“ im Juni. Alfredo nimmt’s gelassen, hat Open Air in Norwegen bei sieben Grad gesungen. Also „La Traviata“ erneut unterm unsicheren Himmel auf dem grandiosen Schweriner Platz.

„Libiamo, ne’ lieti calici… Lasst uns aus den Bechern der Schönheit trinken“. Dieses Lied ist ein Schlager geworden und „Traviata“ ein enorm populäres Werk um eine tragische Liebe. Giuseppe Verdi reißt zwischen Lust, Illusion und Schmerz ein musikdramatisches Psychogramm auf.

Zwischen den Proben ein Treffen in der Theaterkantine. Libiamo mit Wasser und Kaffee. Violetta, das ist die Mexikanerin Gabriela Herrera, Alfredo, das ist der Rumäne Adorján Pataki. Sie gab erfolgreiche Liederabende zwischen New York und Salzburg, gehörte zum Stuttgarter Opern-Ensemble. Er hat Gesangswettbewerbe gewonnen, ist Solist der ungarischen Oper Cluj-Napoca und gastiert europaweit.

Verdi forderte auf der Bühne Lebensnähe, Charakter, er schätzte das Wahre mehr als das Schöne. Das ist im Sinne beider Solisten. „Ich bin eine Sängerin, die auch Schauspielerin ist, ich mag nicht nur dastehen und singen“, lässt Herrera ihr Temperament spüren. Für Pataki ist Wahrheit das Wichtigste, er findet eine Formel für Verdi: „Die Wahrheit ist nicht so schön, die Schönheit der Musik aber wahr.“

Um die Wahrheit in der Feiergesellschaft wird sich die Inszenierung drehen, um den Konflikt aus leichtlebigem Schein und hartem sozialem Sein. „Traviata“ ist von berühmten Sängern geprägt worden, macht das die Arbeit leichter oder schwerer? Die Sopranistin mit Bedacht: „Vorbilder habe ich in Sängerinnen, die auch emotionale Darstellerinnen waren. Wichtig für Sänger ist, dass die Regie von ihnen nur verlangt, was in ihren Möglichkeiten liegt, denn die Stimme ist ein Instrument.“ Trockene Pointe vom Tenor: „Meine Vorbilder habe ich selbst gemacht.“

Beide bestätigen: Singen auf einer Open-Air-Bühne hat wechselnde Bedingungen, und die Gesten sind größer, die Wege weiter, die Kontakte schwieriger: „Wir sehen den Dirigenten, er sieht uns nicht. Aber das macht alles lebendiger.“ Hier droht oft das Wetter. „Doch dieser Platz mit dem Schloss“, schwärmt Herrera, „gibt ein Gefühl von Freiheit und Offensein.“ Perfetto!

Die Partien sind international mehrfach besetzt. Zusammenarbeit oder Konkurrenz? „Angenehme Atmosphäre“, bestätigt Herrera, Pataki nennt es: „Freundeskreis.“

Daheim ist Gabriela Herrera im mexikanischen Querétaro, Adorján Pataki in Cluj in Siebenbürgen. Wie fühlen sie sich in der Fremde? „Monatelang weg zu sein ist schwierig“, gesteht die Sängerin, „aber jetzt bin ich mit meinem Mann hier, der den Vater Germont singt, doch wir vermissen trotz Telefon und Skype die Kinder.“ Der Tierfreundin fehlen wohl auch ihre Hunde und Papageien.

Pataki, Motorrad-Fan, Fotograf und Bergwanderer, hat die Familie bei sich in einer Wohnung, kann also sogar heimatlich kochen. Er lebt, musikalisch gesagt, gern „moderato“, sie hingegen: „molto vivace, mehr noch, vivacissimo“.

Sängerarbeit heißt auch, viel schlafen am Tag der Vorstellung, Stunden vorher nichts essen, kein Getränk mit Kohlensäure, vielleicht etwas Yoga.

Und einen Talisman vorm Auftritt streicheln? Zweimal Kopfschütteln. Stattdessen einem Lebensmotto folgen? Pataki philosophisch: „Man ist an dem Platz, wo man sein muss.“ Jetzt also Schwerin, und dazu con sentimento Gabriela Herrera: „Überraschend schön!"

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