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Film über Ost-Band : Silly - vier starke Charaktere

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Aus der Onlineredaktion

Die Band Silly hat bewegte Zeiten hinter sich – ein Dokumentarfilm gewährt Einblicke in den Musikeralltag

svz.de von
erstellt am 10.Nov.2017 | 12:00 Uhr

Es war wenige Jahre vor dem Mauerfall. Wegen eines Missverständnisses kaufte Anna Loos ihre erste Schallplatte von Silly. „Ich war ein bisschen enttäuscht, dass es keine Westplatte war – wovon ich ausgegangen bin, weil eine Schlange vor dem Laden stand.“ Die Brandenburgerin hörte sich „Bataillon d’Amour“ dann dennoch an. Sie war begeistert und blieb es auch. Sie verehrte Silly-Sängerin Tamara Danz. Einige Jahrzehnte später wurde die Schauspielerin deren Nachfolgerin.

Unterdessen steht die 46-Jährige schon seit mehr als zehn Jahren am Silly-Mikro. Nun ist Loos auch in dieser Rolle im Kino zu sehen. Der Film „Silly – Frei von Angst“ (Regie: Sven Halfar), in dem sie vom Kauf der DDR-Schallplatte berichtet, gewährt Einblicke in den Alltag der Band (ab 16. November im Kino).

Diese wurde 1978 in Ostberlin gegründet, war eine der erfolgreichsten Rockgruppen in der DDR („Die wilde Mathilde“, „Mont Klamott“) und zählt nun zu den erfolgreichsten Bands aus dem Osten Deutschlands.

Wenige Minuten vor dem Auftritt. Der Keyboarder zum Bassisten: „Du bist nicht aufgeregt, oder?“ Der Bassist: „Doch. Ich bin immer aufgeregt. Wenn ich nicht mehr aufgeregt bin, hör ich auf.“ In den 113 Doku-Minuten ist der Zuschauer bei der „Wutfänger“-Tour dabei – auch backstage – und kann das Ringen um neue Songs im Studio verfolgen. Zudem sprechen die Musiker ausführlich über Vergangenheit und Gegenwart. Sie wirken sehr bodenständig und sympathisch, wachsen dem Zuschauer schnell ans Herz.

In einer der nachhaltigsten Szenen steht in einem dunklen Raum ein Fernseher auf dem Boden. „Tagesschau“-Sprecherin Dagmar Berghoff liest die Meldung über den Tod von Tamara Danz vor. Die charismatische ursprüngliche Stimme der Band starb 1996 mit 43 an Krebs. „Das letzte halbe Jahr haben wir sie gepflegt“, schildert Keyboarder Ritchie Barton (63), der mit der Sängerin liiert war, bis Gitarrist Uwe Hassbecker (56) ihr neuer Freund und dann Ehemann wurde.

Wie sollte es nach dem Tod von Danz weitergehen? „Lass nicht auch noch Silly sterben“, habe ihm Tamara gesagt, erzählt Bassist Jäcki Reznicek (63). Und Hassbecker berichtet: „Während ich Ideen gesucht habe, die Band am Leben zu erhalten, wurde Tamara immer mehr zum Mythos. Und viele haben gesagt: Jetzt könnt ihr ja endlich mal richtig Rockmusik machen.“

Rund ein Jahrzehnt verdienten die Musiker ihr Geld etwa als Produzent, Musikhochschuldozent und Begleitband von Joachim Witt. Dann war die Zeit reif für eine neue Sängerin. Anna Loos erklomm die Silly-Bühne: „Meine erste Reaktion war: Wieder so eine Schauspielerin, die singt“, blickt Reznicek zurück. „Aber sie konnte alle Texte.“ Mittlerweile schreibt sie diese auch.

Im Film wirkt die Band wie ein eingeschworener Freundeskreis. Es wird viel gescherzt und umarmt und auf die Wangen geküsst. Zoff sieht man kaum. Aber Hassbecker sagt: „Es sind vier starke Charaktere, die aufeinander treffen. Das macht es manchmal nicht einfach.“

Loos, die aus Angst vor dem Verlust der Stimme auf Tour viel Ingwertee trinkt und meist Schal und Mütze trägt, musste sich ihren Platz als neue Silly-Stimme hart erarbeiten. „Ich muss da durch. Ich muss mir meinen Platz erkämpfen. So hab ich das gesehen“, blickt sie zurück. Und: „Ich hab keine Lust, die wilde Mathilde zu sein. Ich bin das nicht. Ich bin Anna.“

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