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Imagine : Sehen mit allen Sinnen: Poetische Blindengeschichte

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Am Anfang ist die Leinwand schwarz, es ist tiefdunkel und absolut still. Irgendwann beginnt ein Vogel zu zwitschern, das Schnaufen eines Hundes ist zu hören – und unwillkürlich entstehen Bilder vor dem inneren Auge. Der polnische Regisseur Andrzej Jakimowski nimmt den Zuschauer in seinem Film „Imagine“ (Stell dir vor!) sehr unmittelbar und direkt mit hinein in die Welt blinder Menschen – eine zarte, poetische Liebesgeschichte mit wunderbaren Bildern und einer Vielzahl faszinierender Geräusche.

„Ich glaube, wir können sehr viel von blinden Menschen lernen, und das ist nicht nur eine spannende, sondern auch eine sehr unterhaltsame Lektion“, sagt der 50-jährige Jakimowski („Kleine Tricks“). Hauptperson ist der blinde Ian (Edward Hogg), der als Lehrer für räumliche Orientierung an eine Augenklinik in Lissabon kommt. Mit seinen ungewöhnlichen Methoden kann er nicht nur seinen jungen Schülern eine neue Welt jenseits der düsteren Klinikmauern eröffnen, sondern nach und nach auch die scheue Patientin Eva (Alexandra Maria Lara) gewinnen.

Der Lehrer glaubt daran, dass sich die Trennung zwischen Sehen und Nichtsehen aufheben lässt, wenn man sich im Kopf seine eigenen Bilder macht. Er verzichtet auf den notorischen Blindenstock, der ihn in der Gesellschaft zum Behinderten stempelt, und schafft mit genauestem Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken eine Verbindung zwischen seiner Imagination und der realen Welt.

Wichtigste Methode ist ihm die Echo-Ortung, wie sie auch Fledermäuse und Delphine nutzen. Das Klacken seiner Stiefel, das Schnippen mit den Fingern und das Schnalzen der Zunge melden ihm in Schallwellen zurück, wo ein Hydrant den Gehweg versperrt oder eine Stufe kommt – gelegentliche Schrammen und Platzwunden eingerechnet.

„Die lichtundurchlässigen Kontaktlinsen haben mir wirklich geholfen“, erzählt Edward Hogg („Anonymous“) im Presseheft. „Obwohl ich immer noch ein gewisses Sehvermögen hatte, bekam ich ein Gespür für die andere Seite des Sehens, hinter der Wand der Prothese.“ Trainiert hat ihn der blinde Spanier Alejandro Navas, der schon als Kind spontan mit dem Gebrauch von Echo-Ortung begann.

Beim Filmfest Warschau erhielt Jakimowski 2012 mit „Imagine“ den Preis als bester Regisseur, die Zuschauer kürten den Film zum Publikumsliebling. Daran haben sicher auch die vielen wunderbaren Laiendarsteller Anteil: Die Filmemacher fanden in den beteiligten Produktionsländern Frankreich, Großbritannien, Polen und Portugal 16 sehbehinderte junge Menschen, die – in unterschiedlichen Sprachen – als Ians Schüler zutiefst anrührend sich selbst spielen.

Bewegend ist auch die 35-jährige Deutsch-Rumänin Alexandra Maria Lara („Der Untergang“, „Small World“), die als anfangs völlig verängstigte Klinikpatientin mit Ians Hilfe den Weg in ein freies, selbstbestimmtes Leben schafft. Wie dabei die Bilder (Adam Bajerski) und die Intensität der Geräusche die Sinneswelt von Blinden nachvollziehbar machen, ist atemberaubend. Ein selten schöner Kinoabend.

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