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Staatstheater Schwerin : Schuld, Sühne, Vergebung

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Kapellmeister Gregor Rot leitet die morgige Opernpremiere von „Dead Man Walking“

Oper darf nicht zum Museum werden. Deshalb enthält sich Schwerins Musiktheater der zeitgenössischen Werke nicht und zeigt jetzt als drittes deutsches Theater die amerikanische Oper „Dead Man Walking“ des Komponisten Jake Heggie in einer Inszenierung des britischen Regisseurs David Freeman. Nach einer wahren Begebenheit, die von der katholischen Nonne Sister Helen Prejean zu einem Roman verarbeitet wurde, kreist das zweiaktige Opus um einen Todeskandidaten sowie um Personen, die von dessen Mord an zwei Kindern betroffen sind, also um Schuld, Sühne, Vergebung, mithin um aktuellen Bühnenstoff seit der Antike.

Am Pult der Mecklenburgischen Staatskapelle steht Gregor Rot, der seit August 1. Kapellmeister am Hause ist. Er wurde in Wien geboren, studierte dort Gesang, Cembalo und Dirigieren. Er hat in Venezuela das renommierte Simon-Bolivar-Jugendorchester dirigiert, leitete Aufführungen unter anderem in Duisburg, Regensburg, Leipzig, Strassbourg und Caracas, war zuvor in Meiningen engagiert.

Einen Musiker aus Wien verschlägt es nach Schwerin? Der Österreicher erinnert an eine Realität, auf die hiesige Kulturpolitik eigentlich stolz sein müsste: „Als junger Dirigent muss man Erfahrungen an kleinen und mittleren Häusern sammeln. Deutschland ist sich wohl gar nicht bewusst: Fast nur hier gibt es diese Ausbildungsstätten. Kein Opernsänger oder Dirigent kann heutzutage eine Karriere starten, ohne hier zu beginnen.“

Aber was kann, was soll eine neue Oper noch in Zeiten des Internets? Rot ist nicht skeptisch. „Oper ist nach wie vor eine Kunstform großer Gefühle, ob in traditionellen oder zeitgenössischen Werken. Und der singende Mensch kann Emotionen ausdrücken und beim Hörer erzeugen, was technische Medien so unmittelbar nicht vermögen.“ Gefühlter Tusch!

Ob bei Wagner, Verdi oder Puccini, Oper hat oft mit Tod, auch mit Mord, zu tun, aber klassische Werke mildern gewissermaßen die Kriminalfälle durch berührende, glänzende, wogende Melodien. Wie erzählt die Musik in „Dead Man Walking“ – Dort geht ein toter Mann! – das düstere Thema? Gregor Rot sieht die Oper von Jake Heggie „in der Tradition der Filmmusik, also der beschreibenden Musik, die versucht, durch Klänge weniger Emotionen als vielmehr Situationen hervorzurufen, Klangräume zu schaffen für den Text“. Nun ist die Zurückhaltung des Publikums gegenüber zeitgenössischer Musik kein Geheimnis, welche Stilmittel nutzt Heggie? „Diese Oper“, erklärt Rot, „enthält Elemente aus dem amerikanischen Jazz und dem Rock ’n’ Roll, wenn man Elvis-Zitate außer Acht lässt, könnte sie ebenso in den 1920er-, 30er-Jahren komponiert sein. Sie arbeitet mit erprobten tonalen Mitteln, wie sie zum Beispiel schon ein Korngold für ,Die tote Stadt‘ verwendet hat. Es ist kein Stück im Sinne sogenannter neuer Musik.“ Keine Avantgardetöne für Eingeweihte demnach.

Ist „Dead Man“ für ein Opernorchester schwierig? Rot gibt zu: „Viel Arbeit. Weniger wegen des Klangs, sondern wegen der Art, wie in der Filmmusik ein Orchester verwendet wird, nämlich einzelne Instrumente nur als Farbe, wobei der Musiker oft nur Bruchstücke in seinen Noten vor sich hat. Der Dirigent ist quasi der Verkehrspolizist, der die Richtung angeben, den Zusammenhang organisieren muss.“

Die Staatskapelle ist gestresst durch eine Kulturpolitik, das Potenzial schmälert, spürt das der Dirigent bei der Arbeit? Gregor Rot, der nicht gegen sinnvolle Reformen ist, meint: „Wenn man Theater amputiert, das ja nicht die oberflächliche Unterhaltung befriedigt, sondern wesentlichere menschliche Bedürfnisse, dann entsteht ein Loch, das weder durch Fernsehen noch materiellen Konsum geschlossen werden kann.“ Was die Kapelle betrifft, sagt der junge Dirigent: „Natürlich ist die Stimmung nicht heiter. Doch es wird trotzdem intensiv gearbeitet und nicht Ist-doch-egal gespielt.“ Rots unbedingter Einsatz ist zu spüren, wenn er anfügt: „Denn in der Kunst gibt es kein Vielleicht. Für den Künstler gilt: Was ich mache, ist notwendig, er arbeitet unabdingbar. Dieser Geist hängt kaum von äußeren Dingen ab. Das unterscheidet Künstler von Beamten. Theater muss dieses Ethos immer wieder verteidigen. “









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