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Theater : Schaubühnen-Legende Peter Stein wird 80

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Er ist ein echtes Urgestein. Peter Stein verhilft der Berliner Schaubühne zu Weltruhm. Er zeigt einen 21-stündigen «Faust» und inszeniert an den großen Opernhäusern. Jetzt wird der Marathon-Mann des Theaters 80.

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erstellt am 30.Sep.2017 | 23:59 Uhr

In Deutschland macht sich Peter Stein ziemlich rar. Der Marathon-Mann des Theaters - bekannt unter anderem für seine 21-stündige Inszenierung von Goethes «Faust» - brachte zuletzt zahlreiche Opern auf die Bühne.

Er inszeniert an den großen Häusern von Mailand bis Wien. Im Sommer zeigte Stein im römischen Theater von Verona Shakespeares «Richard II.». Die Inszenierung werde im Oktober in Italien auch auf Tournee gehen, teilte er mit.

In Deutschland war der in Italien lebende Regisseur zuletzt 2013 mit Becketts «Das letzte Band» zu sehen - in Neuhardenberg bei Berlin inszenierte er das Solodrama mit Klaus Maria Brandauer. Am Sonntag (1. Oktober) feiert der nimmermüde Theatermacher seinen 80. Geburtstag.

Untrennbar wird der Name Stein immer mit der Berliner Schaubühne verbunden bleiben. Unter seiner künstlerischen Leitung wurde dort europäische Theatergeschichte geschrieben. Steins in den 70er und 80er Jahren entwickelter Stil war wegweisend: die vorsichtige, respektvolle Annäherung an Werke, die psychologisch genaue Deutung von Texten. An der Schaubühne am Halleschen Ufer (und später am Lehniner Platz) erspielten sich unter der Regie von Stein Schauspieler wie Bruno Ganz, Angela Winkler, Jutta Lampe, Otto Sander, Edith Clever, Corinna Kirchhoff und Peter Simonischek Weltruhm.

Stein gilt als leidenschaftlich, zäh und rebellisch. Der Regisseur hält sich meist im Hintergrund, verbeugt sich nicht gerne vor dem Publikum und gibt nur selten Interviews. Im Rückblick auf die Schaubühnen-Zeit zeigte er sich aber dennoch einmal öffentlich stolz: «Ich habe mit der Schaubühne das einzige selbstbestimmte Theater in der Geschichte des deutschen Theaters geleitet.» Und fügte gleich an: «Dabei bin ich überhaupt kein Theaterleiter. Ich bin Künstler.»

Nicht nur auf der Bühne, sondern auch dahinter wurde die Theaterarbeit an der Schaubühne neu gestaltet. Vor dem Hintergrund der 68er-Bewegung wurde ein Mitspracherecht für alle Mitarbeiter bei Stückauswahl und Spielplanpolitik beschlossen. Steins Inszenierungen bekamen Kultcharakter - darunter Ibsens «Peer Gynt» (1971), Kleists «Prinz Friedrich von Homburg» (1972), Gorkis «Sommergäste» (1974) und Tschechows «Drei Schwestern» (1984). Vor allem die Beschäftigung mit Tschechow prägte Stein. «Dort lernt der Schauspieler das Herz des Theaters kennen, es ist die höchste Prüfung für jeden Schauspieler.»

Dem breiten Publikum ist wohl vor allem Steins werkgetreue, 21-stündige «Faust»-Inszenierung bei der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover in Erinnerung. Damit erfüllte sich der Regisseur einen Lebenstraum. «Alles, was ich mal gemacht habe, wollte ich in den Dienst dieses Stückes stellen, dass die Zuschauer einen Begriff davon bekommen, was für ein unglaublicher künstlerischer Kosmos das ist», sagte Stein damals.

Ein weiterer inszenatorischer Großakt: Auf dem Gelände einer ehemaligen Brauerei in Berlin-Neukölln zeigte Stein 2007 Schillers «Wallenstein»-Trilogie in einer 10-Stunden-Fassung. Zwei Jahre später führte Stein seine 12-stündige Interpretation von Dostojewskis «Die Dämonen» in Wien, Amsterdam, Paris, Athen und New York auf.

Die Theaterkarriere des gebürtigen Berliners begann 1964 an den Münchner Kammerspielen. Dort war er Regie- und Dramaturgieassistent von Hans Schweikart, August Everding und Fritz Kortner. Gleich mit seiner ersten Münchner Inszenierung «Gerettet» (1967) von Edward Bond sorgte Stein für Aufsehen. 1968 wurde er gekündigt, als er im Anschluss an Peter Weiss' «Vietnam-Diskurs» unter den Zuschauern für die vietnamesische Befreiungsfront sammeln wollte. Über Zürich und Bremen kam Stein dann 1970 zur Berliner Schaubühne.

Bis 1985 war er dort künstlerischer Leiter. Es folgten noch einige Gastinszenierungen, bis es 1993 über sein geliebtes «Faust»-Projekt zum Zerwürfnis kam. Das nicht zuletzt durch Steins «antiautoritäre Schule» selbstbewusster gewordene Ensemble empfand die Riesen-Produktion als Blockade der eigenen Entfaltungsmöglichkeiten.

Bereits von 1991 an war Stein Schauspielchef der Salzburger Festspiele. 1997 trat er nach Querelen um seine Vertragsverlängerung von diesem Amt zurück. Seither arbeitet er als freier Regisseur. An Ruhestand denkt er offensichtlich nicht. Am 15. September 2018 werde in Paris eine «Tartuffe»-Inszenierung von ihm Premiere haben, kündigte Stein an.

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