Hunger : Ruhrtriennale: Percevals Zola-Zyklus vollendet

Nach «Liebe» und «Geld» kam mit «Hunger» die Percevals Zola-Trilogie (hier mit Barbara Nüsse) zum Abschluss.   /Ruhrtriennale 2017
Nach «Liebe» und «Geld» kam mit «Hunger» die Percevals Zola-Trilogie (hier mit Barbara Nüsse) zum Abschluss.   /Ruhrtriennale 2017

Streikende Kumpel, ungezügelter Fortschrittsglaube - wohl nirgends passt der frühkapitalistische Kosmos von Émile Zola besser hin als ins Ruhrgebiet. Auf der Ruhrtriennale findet ein dreijähriger Zola-Zyklus nun seinen fulminanten Abschluss.

svz.de von
08. September 2017, 10:13 Uhr

Es könnte keine symbolkräftigere Theaterkulisse für Émile Zolas Bergwerkdrama «Germinal» aus den Frühzeiten der Industrialisierung sein. Der Roman über Arbeiterelend und Aufstand in Kohlegruben wird 130 Jahre später in einem stillgelegten Hüttenwerk in Duisburg-Meiderich auf die Bühne gebracht.

Die Globalisierung hat aus den einstigen Wahrzeichen der Arbeit und des Fortschrittglaubens längst gewaltige Mahnmale aus Rost gemacht.

Die Uraufführung von «Hunger» als letzter Teil der «Trilogie meiner Familie» des belgischen Regisseurs Luk Perceval für die Ruhrtriennale war am Donnerstagabend der Höhepunkt einer dreijährigen Auseinandersetzung mit dem Romanepos «Les Rougon-Macquart». 20 Bände umfasst das Mammutwerk des französischen Naturalisten. Doch Perceval hat die Tausende Seiten langen Erzählungen über Kapitalismus und Ausbeutung, Reichtum und Armut, Trieb und Gewalt zu drei überschaubaren, je zwei Stunden langen Theaterstücken komprimiert. «Liebe», «Geld» und «Hunger» wurden seit 2015 nacheinander auf der Ruhrtriennale aufgeführt, immer in der luftigen Gießhalle mit ihrem gigantischen rostroten Hochofen.

Die eigentliche Herausforderung kommt auf das Ensemble des Hamburger Thalia Theaters aber noch zu: Am 15. und 17. September spielen die 15 Schauspieler von mittags bis abends alle drei Teile hintereinander - acht bis neun Stunden Zola, Pausen inklusive. Dann erst entfaltet sich der Kosmos Zolas in seiner ganzen Wucht. Dass Perceval ein Meister des Marathon-Theaters und der Komprimierung von Textungetümen ist, hat er bereits 1999 mit dem zwölfstündigen Shakespeare-Projekt «Schlachten!» bewiesen.

Mit seinem Zola-Zyklus nimmt Perceval seit 2015 Stück für Stück Fahrt auf - und gibt schließlich ein fulminantes Statement für das Ensemble-Theater ab. Dank der großartigen Teamleistung der Schauspieler des Thalia Theaters werden die wortlastigen Bühnenfassungen mit ihrem oft schwer zu entwirrenden Personalgeflecht zu einem mitreißenden Drama.

In «Hunger» verwebt Perceval - leider manchmal sehr mechanisch - Zolas berühmten Bergwerkroman «Germinal» (1885) mit der Erzählung «Die Bestie Mensch» (1890) über ungezügelten Fortschrittsglauben und krankhafte Mordlust. Im Zentrum stehen die Brüder Étienne, der Streikführer in einem Kohlebergwerk wird, und Jacques, ein Lokführer mit dem wahnhaften Bedürfnis, eine Frau zu töten. Beide sind sie Söhne der Wäscherin Gervaise, die bereits im ersten Trilogie-Teil auftrat und auch Mutter von Nana ist, deren Schicksal als Edelkurtisane im Zentrum des zweiten Teils steht. Erst in der Zusammenschau wird klar, dass Gervaise als eine Art Geist im weißen Nachthemd auch im letzten Teil immer anwesend ist.

In irritierend blütenweißen Unterhemden rasen die Schauspieler als hungernde Bergarbeiter über die wellenförmige Holzplanken-Bühne. Einziges Requisit sind Seile, die von der Decke hängen. Dabei hatte Zola geschrieben, das Bergwerk lasse alle schwarz aussehen «wie schwitzende Affen». Bei Perceval scheinen die Arbeiter dagegen aus klinisch reinen Büroräumen des 21. Jahrhunderts in eine imaginäre 700 Meter tiefe Grube hinabgestiegen zu sein.

Drastische Passagen aus Zolas Texten werden rezitiert und ziehen den Zuschauer in den Bann. Die Enge der Schächte, Grubenunglücke, Dreck, Armut und rohe Gewalt - die Bilder entstehen nur vor dem inneren Auge, während die Darbietung auf der Bühne oft an eine szenische Lesung erinnert. Dann aber verstricken sich die Protagonisten in ihren Schicksalen, wie Tiere jagen sie im Kreis über die Bühne, angetrieben von den schrillen Tönen des Saxofonisten Sebastian Gille. Oda Thormeyer als Mutter einer verelendeten Bergarbeiterfamilie schreit sich in einer Wutrede gegen den getöteten Grubenchef fast die Seele aus dem Leib. Es ist eine der stärksten Szenen des Stücks.

«Die alte Welt wird zu Staub verfallen», ruft Étienne. «Eines Tages wird ein Volk von gleichberechtigten Arbeitern aufstehen.» Mit sozialutopischen Parolen werden die Zuschauer entlassen. Auf dem Rückweg durch die Ruine des einstigen Stahlwerks dürfen sie nachdenken, was von den Utopien geblieben ist.

Infos zum Stück

Gesamtaufführung aller drei Teile

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