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Transformationen : «Paläo-Art»: Urzeit-Bildnisse im Wandel der Zeit

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Mal blutrünstiger Drache, mal freundlich lächelnde Echse - so mancher Dinosaurier hat im Laufe seiner Darstellung allerlei Imagewechsel erfahren. Einen Überblick zur Kunst im Paläontologie-Bereich gibt ein umfassender Bildband.

svz.de von
erstellt am 15.Aug.2017 | 14:52 Uhr

Sie verschwanden vor rund 66 Millionen Jahren - und tauchten im 19. Jahrhundert wieder auf: Nach der Entdeckung und Beschreibung erster Dino-Fossilien bevölkerten die Saurier bald auch Gemälde und Zeichnungen.

Einen Überblick des künstlerischen Schaffens von 1830 bis 1990 zu paläontologischen Funden bietet der großformatige Bildband «Paläo-Art».

Das Bild, das sich Menschen von ausgestorbenen Tieren machten, sei das von Illustrationen vermittelte, heißt es im Vorwort des Künstlers Walton Ford. Angefertigt würden sie vor allem für naturhistorische Museen und Institute, Enzyklopädien, Studien in Fachmagazinen und Kinderbücher. «Der Übergang zwischen Unterhaltung und Wissensvermittlung, zwischen Kitsch und wissenschaftlicher Darstellung ist oft fließend.»

Mit all den Spielzeugen, Büchern und Stickern werde inzwischen als gegeben angesehen, dass Saurier tatsächlich so aussahen wie heutzutage meist dargestellt, so Ford. Tatsächlich aber verändere sich das als wahrscheinlich angenommene Abbild mit neuen Erkenntnissen immer wieder. Frühere Darstellungen wiederum würden heute als falsch und damit komplett obsolet eingestuft - ihrem künstlerischen Wert werde das nicht gerecht.

Beschrieben wird, wie schwierig es war, einzelne der vorgestellten Bilder aufzuspüren. Aufgenommen wurden neben Zeichnungen, Ölgemälden und Lithographien auch Mosaike, Keramiken, Sammelkarten und Fresken. Zwei Jahrhunderte Paläo-Art seien dargestellt - aus der Epoche, in der solche Illustrationen noch nicht am Computer erstellt wurden.

Die Kunstkritikerin Zoë Lescaze geht auf viele der Werke und vor allem die jeweiligen Künstler ausführlich ein. Der Geologe Henry Thomas De la Beche war demnach der erste Paläo-Künstler: Er schuf 1830 eine Darstellung prähistorischer Reptilien, die sich unter Wasser bekämpfen («Duria antiquior»). 34 Tiere sind gezeigt - etwa die Hälfte damit beschäftigt, sich über ein anderes herzumachen.

Lescaze geht auf die Anfänge der Suche nach Saurier-Fossilien ein und verdeutlicht, dass Illustrationen immer im Kontext der jeweiligen Zeit zu sehen sind. Lange Zeit seien Urzeitwesen als Monster dargestellt worden - als Drachen, Sphinx, Hydra oder Harpie zum Beispiel. In dieser Tradition sei Iguanodon - ein großer, pflanzenfressender Dinosaurier - zunächst als blutrünstiger, kannibalistischer Drache dargestellt worden. Spätere Illustrationen hätten ihn als schelmische, übergroße Echse oder freundlichen, schuppigen Elefanten gezeigt.

Das älteste noch existierende Farbbild eines Dinosauriers geht Lescaze zufolge auf Georg Scharf zurück: «Reptiles Restored» von 1833. Erklärt wird, dass viele der im Buch gezeigten Darstellungen extrem von der heute als wahrscheinlich angesehenen Form und Farbe der Tiere abweichen. Bücher zum Thema hätten einst ein ganzes Monatsgehalt gekostet, entsprechend gering sei die Verbreitung gewesen.

Stärker für die Öffentlichkeit zugänglich sei das Thema mit den Skulpturen von Benjamin Waterhouse Hawkins geworden, der unter anderem 1853 zum Dinner in einem Iguanodon lud. Seine Plastiken machten Dinosaurier zum kulturellen Massenphänomen und prägten ihr Bild im 19. Jahrhundert, wie es im Buch heißt. Auch 1895 von einem Schweizer Schokoladenhersteller ausgegebene Sammelkarten machten das Wissen über frühere Lebensformen der allgemeinen Bevölkerung zugänglich.

Ein weiteres Kapitel im Buch nimmt die Beschreibung der sogenannten «Bone Wars» (Knochen-Kriege) zwischen Othniel Charles Marsh und Edward Drinker Cope ein. Die zunächst befreundeten US-Paläontologen lieferten sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts heftige persönliche und wissenschaftliche Auseinandersetzungen - und entdeckten mehr als 140 Arten wie Triceratops, Diplodocus und Stegosaurus.

Spannend zu lesen sind Lescazes Ausführungen zu den 1943 während des Zweiten Weltkrieges zerstörten Mosaiken des Berliner Aquariums unter anderem von Sauriern und der Meeresschildkröte Archelon. «Deutschlands bedeutendste Arbeiten der Paläo-Kunst wurden komplett zerstört.» 1977 habe der damalige Zoodirektor Heinz-Georg Klös Original-Pläne von Heinrich Harder wiederentdeckt. Es folgte ein Aufruf an die Bevölkerung, alte Postkarten und Fotos zu den Mosaiken bereitzustellen. Dank der Pläne und der Bilder wurde es möglich, die Fassadenkunst originalgetreu zu restaurieren.

«Paläo-Art» ist den Künstlern, nicht den dargestellten Tieren gewidmet. Es erlaubt den Blick nicht nur auf Bilder aus großen Naturkundemuseen, sondern auch aus kaum zugänglichen Archiven und privaten Sammlungen. Deutlich wird, wie viel Fantasie bei der Darstellung längst vergangener Lebenswelten stets im Spiel war und wie veränderlich vermeintliche Wahrheiten in der Wissenschaft oft sind. Damit kann es auch dabei helfen, heutige Interpretationen kritischer zu sehen - den Plastik-Tyrannosaurus aus dem Kinderzimmer ebenso wie die wissenschaftliche Illustration im angesehenen Fachjournal.

- Zoë Lescaze, Walton Ford: Paläo-Art. Darstellungen der Urgeschichte, Taschen Verlag, Köln, 292 Seiten, 75,00 Euro, ISBN 978-3-8365-6584-4.

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