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Rhythmisch : Musik, Tanz und die Macht der Erinnerung

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Eine Frau zieht in der Mitte des Lebens Bilanz. Die Hauptfigur in «Swing Time», dem neuen Roman der Britin Zadie Smith, kann von einem aufregenden Leben berichten, das sie mit vielen Teilen moderner Popkultur in Kontakt bringt. Und das eine neue Richtung braucht.

svz.de von
erstellt am 29.Aug.2017 | 10:00 Uhr

Am Beginn des Romans befindet sich die Erzählerin in vollständiger Isolation, heimgeschickt nach London, in einer Übergangswohnung untergebracht, das Handy ausgestellt.

Sie weiß nicht, wie es in ihrem Leben weitergehen soll, aber die Entscheidung darüber liegt offenbar nicht in den Händen der namenlosen Ich-Erzählerin in Zadie Smiths Roman «Swing Time».

Um etwas Abwechslung zu bekommen, streift sie durch die Stadt und landet rein zufällig in einem Vortrag, in dem ein kleiner Clip aus einem Tanzfilm mit dem legendären Fred Astaire gezeigt wird. Und auf einmal ist die Lethargie verschwunden, die sich der Erzählerin bemächtigt hatte.

«Ich sah all meine Lebensjahre auf einmal, allerdings nicht ordentlich gestapelt, Erfahrung auf Erfahrung, so dass ein tragfähiges Etwas daraus entstand - im Gegenteil. Mir wurde eine Wahrheit offenbar: dass ich immer versucht hatte, mich an das Licht anderer anzuschließen, dass ich selber nie ein Licht in mir gehabt hatte. Ich erlebte mich als eine Art Schatten.»

«Swing Time», der Tanzfilm mit Fred Astaire, bringt die Erzählerin sofort zurück ins Jahr 1982. In einer Tanzschule trifft die Zehnjährige die gleichaltrige Tracey. Die beiden fühlen sich gleich zueinander hingezogen, sind sie doch die einzigen mit brauner Haut. Beide sind begeistert vom Tanzen, aber nur Tracey ist talentiert. Aber sie ist auch undiszipliniert, selbstsüchtig und manipulativ.

Eine Weile bleiben die Mädchen Freundinnen, dann kommt es zum radikalen Bruch. Tracey bleibt in ihrer Londoner Sozialbausiedlung und wiederholt das Schicksal ihrer Mutter, gefangen in familiären und wirtschaftlichen Problemen. Ohne die helfende Hand ihrer Freundin scheint sie nichts erreichen zu können.

Die Erzählerin baut sich dagegen eine eigenständige Existenz auf und bekommt dann eine ganz besondere Anstellung. Ein aus Australien stammender Superstar der Popmusik engagiert sie als persönliche Mitarbeiterin, die ihr alles abnimmt, worum sie sich nicht selbst kümmern möchte. Wieder einmal scheint die Erzählerin ihre Erfüllung darin zu finden, ihre Identität als Anhängsel eines anderen Menschen zu leben.

Aimee, so heißt der Popstar, trägt sehr viele Züge von Madonna, einschließlich deren Faszination für Afrika und dem Wunsch, den Kindern dort zu helfen. Als Vertreterin ihrer Chefin reist die Erzählerin nach Westafrika und sieht sich mit einem Teil ihres persönlichen Erbes konfrontiert, das bisher nie eine Rolle für sie gespielt hatte.

Hier zeigen sich nun Risse im Arrangement der Erzählerin, sich hinter anderen Menschen zu verstecken und sich durch sie zu definieren. So setzt sich allmählich ein Prozess in Gang, der letzten Endes dazu führt, dass die Erzählerin sich in London wiederfindet.

All dies erzählt Zadie Smith nicht in chronologischer Reihenfolge, sondern in einem bunten Durcheinander, das zusätzlich dazu beiträgt, die verschiedenen Nuancen ihres Lebens durch Kontrast zu betonen.

Dabei tritt ein ganz zentraler Punkt der Erzählung fast in Vergessenheit. Die Erzählerin ist die einzige Quelle für alle Informationen im Buch. So wird zum Beispiel Traceys mit Mängeln behafteter Charakter ausschließlich so dargestellt, wie die Erzählerin ihn viele Jahre später erinnert. Auch für alles andere sind die Leser auf eine einzige Quelle angewiesen, die nicht als objektiv gelten kann.

Die 42-jährige Zadie Smith hat mit «Swing Time» einen anspruchsvollen Roman vorgelegt, der eine ganze Reihe von Themen in einer täuschend einfachen Erzählung unterbringt. Der Roman ist für den Man Booker Preis nominiert, den wichtigsten britischen Literaturpreis, der im Oktober vergeben wird.

- Zadie Smith: Swing Time. Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln, 624 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-462-04947-3.

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