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Chris Jarrett : Musik ohne Stilzwänge

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Komponist und Musiker Chris Jarrett gibt eines seiner seltenen Solo-Konzerte in Schwerin

Chris Jarrett (Jahrgang 1956) ist als Solo-Pianist im Spannungsfeld zwischen Jazz und Klassik aktiv, agiert im Hardcore-Kammermusik-Ensemble „Four Free“ und arbeitet als Komponist für Ballett, Oper und Film. Am 30. Januar wird er eines seiner seltenen Solo-Konzerte in der Schweriner Piano Galerie geben. Ulrich Grunert sprach vorab mit dem Pianisten über seine Doppelrolle als Komponist und Piano-Grenzgänger zwischen Jazz und moderner Klassik.

Eisensteins Filmklassiker „Panzerkreuzer Potemkin“ inspiriert immer wieder Musiker dazu, einen eigenen Soundtrack zu schaffen. Jüngst schufen die Pet Shop Boys zusammen mit den Dresdner Sinfonikern einen Potemkin-Soundtrack. Sie werden im Februar 2014 ihre eigene Potemkin-Komposition in Kanada zur Aufführung bringen. Was hat Sie daran besonders gereizt?
Jarrett: Meine Komposition zu Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ entstand durch einen Zufall. Ich lernte in Oldenburg einen Kinobetreiber kennen, der gern eine Reihe mit klassischen Stummfilmen zur Aufführung bringen wollte. Er sprach mich an, ob ich mir vorstellen könnte, dafür die Musik zu schreiben und diese live während der Aufführung im Kino zu spielen. So wurde ich der Mann am Stummfilmklavier und spielte zu Filmen wie Murnaus „Faust“. Einige dieser Stummfilme waren wegen ihrer Überlänge besonders physisch eine Herausforderung. Als Pianist vor der Leinwand kannst du dir keine Pause gönnen. Gerade Murnaus Filme hatten, was den Schnitt und den Rhythmus betrifft, mitunter große Längen, die musikalisch schwer zu überbrücken waren. Das war bei Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ anders. Dieser Film hat mich sofort stark angesprochen. Er begleitet mich bis heute.
Der Stummfilm an sich kann ohne Musik auskommen – gilt das auch umgekehrt?
Nein. Diese Musik ist nur im Zusammenhang mit der Filmvorführung denkbar. Deshalb gibt es auch keine CD von der Aufführung. Seit zwei Jahrzehnten spiele ich in Abständen immer wieder aufs Neue die Komposition während der Filmvorführung. Und immer wieder ist es live eine neue Herausforderung. Immer wieder ist es anders. Jeder Raum, jedes Publikum reagiert anders. Und auch das Klavier ist jedesmal ein anderes, spielt seine eigene Rolle. So ergibt sich eine offene Interaktion zwischen Film, Klavierspieler und Publikum. Ich suche dabei die Verbindung der genialen Form mit einem Inhalt, der heute so aktuell ist wie zur Zeit seiner Entstehung. Der Kampf der unterdrückten Kreatur gegen seine unrechtmäßigen Herrscher.
Sie pflegen auf ihrem jüngsten Ensemble-Album „Wax Cabinet“ eine Art kammermusikalischen Hardcore-Jazz. Kritiker tun sich mitunter schwer, diese Musik einzuordnen. Ist es Jazz, Avantgarde oder moderne Klassik?
Diese Schubladen sind ja eher für Händler und Kritiker wichtig. Mir geht es eher darum, in der Musik immer wieder Grenzen zu überschreiten. Dabei ist es sekundär, welches Etikett später daran geklebt wird. Wenn ich Klavier spiele, will ich meinem Bedürfnis nach Kommunikation entsprechen. Ich möchte meine Ideen musikalisch umsetzen, ohne von Stilzwängen eingeengt zu sein. Deshalb versuche ich, klassische Strukturen mit der Freiheit und der Lebenslust, die der Jazz bieten kann, zu kombinieren. Wichtig ist das Ergebnis, nicht das Etikett.
Ihre Solo-Konzerte am Piano haben einen geradezu legendären Ruf. Was steht in Schwerin auf dem Programm?
Ich werde einige neue Kompositionen mitbringen, die bisher außer mir noch niemand gehört hat. Aber zwei, drei meiner bekannten Stücke werden auch dabei sein.

 






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