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Peter Schreier : Musik ist sein Lebenselixier

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Er war einer der gefragtesten Tenöre der Welt: Mit 70 beendete Peter Schreier seine Sängerkarriere. Nun will er auch den Taktstock aus der Hand legen

Bäume fällen und Bücher lesen statt Proben und Auftritte: „Ich lebe von der Erinnerung, aber nicht mit Wehmut, eher vielleicht mit etwas Stolz“, sagte der Dresdner Kammersänger Peter Schreier kurz vor seinem 80. Geburtstag.

Seit zehn Jahren ruht die Tenorstimme – nach Jahrzehnten auf der Bühne, voller Stress und Druck. Die Karriere liegt hinter ihm, er vermisst nichts. „Ich bin zufrieden mit meinem Leben und genieße den Ruhestand.“ Vereinzelt gibt Schreier noch Meisterkurse. Das Dirigieren wird er langsam auslaufen lassen. „Es strengt mich zu sehr an“, sagt der von Rückenproblemen Geplagte, der mit drei Bypässen lebt. Nach zwei Konzerten mit der Dresdner Philharmonie und der Aufführung von Bachs Weihnachtsoratorium im Leipziger Gewandhaus soll auch am Pult Schluss sein. Den Abschied auf Raten hat der einst weltweit gefragte Künstler lange geplant.

Im Juni 2000 trat er als Tamino in Mozarts „Zauberflöte“ – seiner vielleicht wichtigsten Partie – in Berlin von der Opernbühne ab. Mit 70 dann gab er die Lieder und Oratorien auf. Trotzdem ist die Musik weiter präsent. „Musik ist mein Lebenselixier und ein Tag ohne Musik ein verlorener Tag.“ Er lasse sich von ihr mitreißen und gehe darin auf. Oft lauscht er den Berliner Philharmonikern: „Ich hab’ eine App und kann jedes Konzert im TV sehen.“

Der 1935 in Meißen geborene Peter Schreier wuchs in einem Dorf in der Nähe auf: „Bei uns zu Hause wurde zweimal pro Woche musiziert“, sein Vater war Kantor und Lehrer. Mit acht Jahren kam Peter Schreier zum Dresdner Kreuzchor. „Diese Zeit hat mich musikalisch und persönlich geprägt“, sagt Schreier. Dort bekam er das Rüstzeug für den beruflichen Erfolg, lernte Ehrgeiz, Disziplin, Unterordnung und Kameradschaft. „Das ist sehr wichtig, weil man in der Musik ja auch auf andere hören soll.“ Das, was er wollte, war in der DDR ohne Einschränkungen möglich, sagt Schreier. „Es kam für mich nie infrage, im Westen zu bleiben, obwohl es Angebote gab.“ Der lyrische Tenor ist in der Heimat verwurzelt. „Mir würde etwas fehlen, wenn ich nicht in Dresden leben könnte.“ Hier studierte er von 1956 bis 1959 Gesang und Dirigieren und stand im Abschlussjahr erstmals auf der Opernbühne – als 1. Gefangener in Beethovens „Fidelio“.

Den Durchbruch schaffte er 1962 als Belmonte in Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“. Danach gastierte er von New York bis Mailand auf den wichtigsten Opernbühnen der Welt, wurde international ausgezeichnet. Mehr als 60 Partien hat Schreier verkörpert, war bei den Salzburger Festspielen engagiert und der wichtigste DDR-Exportschlager auf sängerischem Gebiet – bei hochkarätiger Konkurrenz.

Er genoss Privilegien, und das ohne SED-Parteibuch. 1972 war er an der Staatsoper Berlin von ehemaligen Kommilitonen gefragt worden, ob er nicht mal den Taktstock führen wolle. Für eine große Dirigentenkarriere nach der Sänger-Laufbahn hatte der Vater zweier Söhne allerdings keine Ambitionen, obwohl auch hier gefragt: Er stand bei den Wiener Philharmonikern am Pult und beim New York Philharmonic Orchestra.

Schreiers Anker lag immer in Dresden. Der Ruhestand brachte Zeit für die Leidenschaften jenseits der Musik: Lesen, Kochen, Garten und Natur. An seinem Landhaus mit Wald fällt er auch schon mal Bäume. Und auch die inzwischen sieben Enkel halten ihn auf Trab. Seit dem Abtritt von der Konzertbühne 2005 singt Schreier nicht mal mehr im Bad. „Bei Tenören ist der Verschleiß der Stimme extrem hoch“, erklärt er. „Und es fehlt mir absolut nicht.“

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