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Mehr als nur Spannung : Mordermittlungen im Kulturkonflikt

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Tom Thorne hat schon in mehreren Romanen von Mark Billingham komplizierte Mordfälle gelöst. In seinem neuen Roman «Love Like Blood» hat der Autor einen besonders kniffligen und sensiblen Fall erdacht. Denn der Mord könnte einen kulturellen Hintergrund haben.

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erstellt am 24.Okt.2017 | 12:10 Uhr

Eigentlich wollte der Londoner Kriminalinspektor Tom Thorne feiern, dass ein Mörder, den er überführt hatte, zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Doch dazu kommt es nicht, denn noch im Gerichtssaal bittet ihn eine Kollegin um ein vertrauliches Gespräch.

Thorne ahnt, was ihn erwartet, aber trotzdem lässt er sich auf das Gespräch ein und ist schon kurz darauf mitten in einem neuen Fall.

Nicola Tanner hat einen ernsten Grund, um Unterstützung zu bitten. Ihre Lebensgefährtin ist im gemeinsamen Haus gefoltert und ermordet worden, und sie ist überzeugt, dass sich die Täter geirrt haben und der Anschlag eigentlich ihr galt. Sie ist sich auch ziemlich sicher, warum sie ermordet werden soll. Sie hat eine Arbeitsgruppe geleitet, in der Fälle untersucht wurden, bei denen der Verdacht auf Morde mit kulturellen und religiösen Zusammenhängen im Raum steht.

Nicht nur das: Tanner ist davon überzeugt, dass Morde an Jugendlichen, die den Moralvorstellungen oder Ehrbegriffen ihrer Eltern nicht mehr folgen wollen, eine neue Dimension erreicht haben: «Ich glaube, dass ein Duo auf der ganzen Welt bezahlte Ehrenmorde begeht.» Auftragskiller also, die den interessierten Familien die Schmutzarbeit abnimmt und moralische Abgründe zu einem Geschäft machen.

Tanner fand bei ihren Vorgesetzten keine offenen Ohren für diese These, und nun kann sie nichts ausrichten, weil sie nach dem Tod ihrer Lebensgefährtin zwangsweise in Sonderurlaub geschickt wurde. Sie braucht jemanden, der ihr hilft, und Tom Thorne erscheint ihr ideal dafür. Thorne scheut sich nicht, bei seinen Vorgesetzten anzuecken und sich auch mal über Regeln hinwegzusetzen, wenn er sein Ziel erreichen will.

Thorne hat noch einen ganz persönlichen Grund, Tanner zu helfen, denn zu seinen wenigen ungelösten Fällen gehört der Mord an einer jungen Frau südasiatischer Herkunft vier Jahre zuvor. Dieser neue Ermittlungsansatz könnte ihm nun helfen, doch noch die Mörder zu finden.

Billingham belässt es nicht bei Thornes Versuch, einen alten Fall zu lösen und dadurch den Mord an einer Kollegin zu verhindern. Mehrere Kapitel schildern die Nöte eines Mädchens und eines jungen Mannes, deren aus Bangladesch stammende Eltern ihnen eine traditionelle Lebensweise vorschreiben wollen. Hier zeigt Billingham exemplarisch den Generationenkonflikt in zahlreichen Familien, die nie wirklich in die Lebensweise eines europäischen Landes hineingefunden haben. Und er porträtiert die gedungenen Mörder, für die es ausschließlich um Geld geht, nicht um irgendwelche Moralvorstellungen.

Der Roman bezieht seine Spannung aus zahlreichen Quellen: Thornes Suche nach den Mördern und ihren Auftraggebern mit teils sehr unorthodoxen Methoden, einem weiteren Anschlag auf Tanners Leben, einem möglichen Fall von Kindesmissbrauch, den Thornes Lebensgefährtin Helen aufzuklären versucht, und den Intrigen im Polizeiapparat. Immer im Mittelpunkt steht jedoch die Frage, wie Eltern dahin kommen, ihre eigenen Kinder umbringen zu lassen.

Tom Thorne ist auch in «Love Like Blood» der erfolgreiche Ermittler, den Mark Billingham schon in Romanen wie «Zeit zum Sterben» und «Der Manipulator» gezeigt hatte. Aber «Love Like Blood» ist kein typischer Kriminalroman. Sehr deutlich ist Billinghams Bemühen, auf das gesellschaftliche Problem aufmerksam zu machen. In einem ergreifenden Nachwort beschreibt Billingham kurz den realen Fall, der ihn zu diesem Roman motiviert hat. Wer einfach nur einen spannenden Roman lesen will, wird in «Love Like Blood» gut bedient, aber das Spektrum des Buches geht weit über die Spannungsebene hinaus.

- Mark Billingham: Love Like Blood. Atrium Verlag, Zürich, 410 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-85535-020-9.

Informationen zum Buch

Website von Mark Billingham

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