Familiengeschichte : «Monsieur Göthé»: Der verdrängte Vorfahr des Dichterfürsten

Eine alte Gerichtsakte in der Bibliothek des Freien Hochstifts im Frankfurter Goethehaus weist auf einen Prozess von Friedrich Georg Göthe (Großvater von Johann Wolfgang Goethe) hin.
1 von 3
Eine alte Gerichtsakte in der Bibliothek des Freien Hochstifts im Frankfurter Goethehaus weist auf einen Prozess von Friedrich Georg Göthe (Großvater von Johann Wolfgang Goethe) hin.

Goethes Großvater galt als der «Karl Lagerfeld» Frankfurts. Doch der Enkel schwieg den erfolgreichen Schneidermeister lieber tot. Dem Unbekannten in Goethes Ahnenreihe widmet sich jetzt ein neues Buch - und rückt ihn zurecht.

svz.de von
15. September 2017, 11:44 Uhr

Als Johann Wolfgang Goethe am 28. August 1749 in Frankfurt das Licht der Welt erblickte, wurde er auf einem immensen Weinvorrat geboren.

Im Keller des staatlichen Hauses am Großen Hirschgraben lagerten edle Tropfen von der Mosel der besten Jahrgänge zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Die Sammlung gehörte einst Goethes Großvater, der als Handwerkmeister und Gastwirt zu großem Reichtum kam.

Ausgerechnet diesen Friedrich Georg Göthe, dem der Enkel die behütete Jugend im wohlhabenden Elternhaus verdankte, hat Deutschlands Dichterfürst (1749-1832) zeitlebens praktisch unterschlagen. In seiner Autobiografie «Dichtung und Wahrheit» kommt der damals 61-jährige Herr Geheimrat, der am Hof in Weimar geadelt wurde, auf den Großvater zwar kurz zu sprechen. Doch er erwähnt nicht mal seinen Namen - ganz anders als beim Großvater mütterlicherseits Johann Wolfgang Textor, der damals als Schultheiß das bedeutendste Amt Frankfurts innehatte.

«Der Großvater väterlicherseits ist von der Familie entsorgt worden», sagt Joachim Seng, Leiter der Bibliothek des Frankfurter Goethe-Museums, zu dem auch Goethes Geburtshaus gehört. Der Forscher hat zusammen mit zwei weiteren Spezialisten das Leben von Goethes vergessenem Opa ausgegraben. Sie haben über «Monsieur Göthé» in ihrem vergnüglichen Buch, das gerade in der renommierten «Anderen Bibliothek» erschienen ist, Erstaunliches zutage gefördert.

Denn Friedrich Georg Göthe (1657-1730) war ein höchst erfolgreicher Geschäftsmann. Der aus dem thüringischen Artern stammende Schneidergeselle landete auf seiner zwölfjährigen Wanderschaft in der Seidenstadt Lyon - und schrieb sich aus Gründen der Aussprache fortan «Göthé» mit französischem Accent aigu. Der ehrgeizige Handwerker ließ sich nach der Rückkehr aus Frankreich dann 1686 in Frankfurt nieder - und wurde in Kürze zum Ausstatter für die vornehmsten Damen der florierenden Handelsmetropole. «Er war damals so etwas wie der Karl Lagerfeld Frankfurts», sagt Co-Autor Seng.

Der früh verwitwete Göthé, der bereits aus erster Ehe drei Kinder mitbrachte, heiratete 1705 in Frankfurt die ebenfalls verwitwete Cornelia Schellhorn. Sie brachte den «Weidenhof» an der Zeil in die Ehe ein, den der neue Ehemann zu einem der angesehensten Gasthöfe der Stadt ausbaute. Der wendige Schneider wurde zum Gastwirt - beide Berufe zusammen waren damals nicht erlaubt - und auch Weinhändler.

Aus der Ehe ging 1710 Johann Caspar Göthe hervor, Goethes Vater. Von den Eltern aufs Latein-Gymnasium nach Coburg geschickt und später in Frankfurt zum «Kaiserlichen Rat» aufgestiegen, war er es, der zunehmend Abstand zur handwerklichen Abkunft hielt. Das hinderte ihn nicht, vom stattlichen Vermögen seines Vaters zu leben und es weiter zu mehren. Der Familienname wurde zugleich von «Göthé» in Goethe geändert.

«Goethes Vater war ein klassischer Aufsteiger», sagt Seng. Er fühlte sich den Patriziern gleich und habe daher seine Herkunft, obwohl der Vater alles andere als arm war, eher verschweigen wollen. Diesen Dünkel hat er ganz offensichtlich an seinen berühmten Sohn Johann Wolfgang weitergegeben, wie der Literaturwissenschaftler vermutet. Der Dichterfürst hat dann seinen Großvater ebenfalls «verdrängt».

Zwar war dieser schon 19 Jahre lang tot, als Goethe zur Welt kam. Doch die Großmutter lebte noch. Goethes zeigte an der beträchtlichen Hinterlassenschaft der Großeltern Göthé auch Interesse: Er ließ sich viele Jahre später noch Unterlagen zur Erbteilung auch nach Weimar kommen.

Seinem vergessenen Großvater verdankte der Geheimrat aber wohl nicht nur den familiären Reichtum. Auch die große Liebe zum Wein verband ihn mit dem Schneidermeister - und der Hang zum Modischen. Goethes Mutter berichtete, dass der junge Dichter sich gelegentlich drei Mal am Tag neu ausstaffierte.

Ganz unterschlagen wird Goethes Großvater heute in Frankfurt allerdings nicht. An seinem ehemaligen Atelier - heute steht dort ein Versicherungshaus - erinnert eine Plakette an ihn. Auch in Goethes Geburtshaus, das jedes Jahr Zehntausende von Besuchern anzieht, gibt es zwei kleine Reminiszenzen an die Großeltern: Im Zugang zum Haus wurde ein Tor zum alten Weinberg der Göthés eingebaut. Außerdem findet sich noch ein Schrank aus deren Besitz. Er soll schon zu Johann Wolfgang Goethes Zeiten im Treppenhaus am Großen Hirschgraben gestanden haben.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen