Die Vorleser : Lesebühnen-Autoren erobern Platz im Literaturbetrieb

Die Autoren Julius Fischer (l) und André Herrmann vor der Leipziger Lesebühne.
Die Autoren Julius Fischer (l) und André Herrmann vor der Leipziger Lesebühne.

Texte vorlesen ist ziemlich angesagt. Poetry Slams boomen sowieso, und kaum eine Stadt kommt noch ohne eigene Lesebühne aus. Können sich Autoren auf den kleinen Bühnen einen großen Namen machen?

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07. September 2017, 09:17 Uhr

Ohne Lesebühne kein Klassenkampf. Das ist, ein bisschen vereinfacht, die Erklärung, wie aus dem Politikstudenten und Poetry Slamer der Buchautor André Herrmann geworden ist.

Der 31-Jährige ist Gründungsmitglied der Leipziger Lesebühne «Schkeuditzer Kreuz», und «Klassenkampf» ist sein Debütroman. «Es hat sich alles daraus ergeben. Wenn es das nicht gäbe, würde ich vermutlich was mit meinem Studium machen», sagt Herrmann. Lesebühnen wie das «Schkeuditzer Kreuz» haben sich in vielen Städten Deutschlands ihr Publikum erarbeitet - und inzwischen etliche preisgekrönte Autoren hervorgebracht.

Die Leipziger Lesebühne geht in diesem Jahr in ihre zehnte Saison. Das Konzept ist einfach: Ein festes Team von Autoren trägt Texte vor, meistens unterhaltsame. Auch Musik und ein bisschen Show sind erlaubt. Einige hundert Zuschauer kommen regelmäßig zum «Schkeuditzer Kreuz». Die Leipziger treten einmal im Monat auf, aber es gibt auch Lesebühnen mit wöchentlichem Rhythmus, in Berlin zum Beispiel. «Live-Literatur hat ein treues Publikum», sagt Julius Fischer (33). Der Musiker und Autor kam zusammen mit Herrmann über den Poetry Slam zum «Schkeuditzer Kreuz».

Damit sind Fischer/Herrmann einen ziemlich typischen Weg gegangen. «Die Lesebühnen sind nicht immer deutlich vom Poetry Slam zu trennen», sagt Volker Surmann (44), Inhaber des Satyr-Verlages. Er ist auch selbst als Vorleser bei den Berliner «Brauseboys» aktiv. Beide Szenen befruchteten sich gegenseitig. Surmann findet aber auch: «Im Lesebühnenformat geht mehr. Man kann auch mal ernstere Texte lesen und als Autor mehr ausprobieren.» Das sei allerdings auch der Grund, warum die Lesebühnen etwas weniger Publikum anzögen als die boomenden Poetry Slams.

Aber von der kleinen Lesebühne in die große Welt der Literatur - funktioniert das? Ja, auf jeden Fall, sagt Claudius Nießen, Geschäftsführer in Elternzeit des Literaturinstituts in Leipzig. «Aus der Szene heraus gibt es immer wieder junge Autoren, die sich etablieren.» Marc-Uwe Kling mit seinen «Känguru-Chroniken» ist das Paradebeispiel, aber auch Jakob Hein und Kirsten Fuchs, die 2016 für «Mädchenmeute» mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde, zählen dazu. Bühnenerfahrung werde auch immer bedeutsamer für Autoren, sagt Nießen. Lesungen seien eine wichtige Einnahmequelle für die Schriftsteller. Das heißt: Wer gut vorlesen kann, ist klar im Vorteil.

Bei fast allen Lesebühnen soll und darf gelacht werden. «Viele Lesebühnen haben einen klaren satirischen Ansatz», sagt Surmann. Es sei aber auch ein sehr zeitkritisches Format. Autor Fischer nennt es «Gebrauchsliteratur». «Ich halte das, was ich sagen will, absolut für sagenswert», erklärt der 33-Jährige. «Satirische Literatur ist durchaus auch hohe Literatur», betont Verleger Surmann. Es sei einfach typisch deutsch, eine Grenze zwischen U(nterhaltsamer) und E(rnsthafter) Literatur zu ziehen.

Julius Fischer und André Herrmann sehen noch so einige andere Pluspunkte an den Lesebühnen. «Das ist ein guter Test um zu sehen, ob ein Text funktioniert», sagt Herrmann. Er habe große Teile von «Klassenkampf» auf der Bühne vorgelesen, bevor ein Buch draus wurde. Man entwickle ein Gefühl für die Verständlichkeit der eigenen Texte, ergänzt Fischer. «Ich glaube zu merken, ob das Publikum versteht, was ich will.» Und weil die Zuschauer stets auf neue Texte hoffen, sei die Lesebühne auch noch «ein guter Vorwand, um zu schreiben».

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