Versteckte Daten im Mauerwerk : Leben im Toten Briefkasten

Psst! Das Ende eines USB-Sticks ragt aus einem Mauerteil der Fabeltier-Skulptur in Hannover.
Psst! Das Ende eines USB-Sticks ragt aus einem Mauerteil der Fabeltier-Skulptur in Hannover.

Tote Briefkästen aus der Zeit der Agententhriller erleben ihre digitale Renaissance: „dead drops“ haben sich als Kunstprojekt rund um den Globus verbreitet.

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18. Juni 2015, 12:00 Uhr

Wie James Bond sieht der junge Hannoveraner nicht gerade aus: Rote Baseballmütze auf dem Kopf, Stoppelbart im Gesicht, schlabbernde Jeans. Dennoch könnte sein Tun jedes Agentenherz erfreuen. Seinen Namen nennt der junge Mann lieber nicht – auch Fotos mag er nicht. „Es ist nicht ganz legal, was ich hier mache, aber auch nicht illegal“, meint er und verschmiert Zement am Sockel eines Denkmals in Hannover. Oben drauf steht ein gehörntes Fabeltier, darunter ragt das Ende eines eingemauerten Datenträgers aus dem Sockel.

Der Mann ist Anhänger eines Kunstprojektes, das sich weltweit längst verselbstständigt hat. „Dead drops“ nennt sich die Bewegung. Der Name steht für Tote Briefkästen – im Kalten Krieg waren das Ver-stecke für geheime Nachrichten, die von Spionen in Astgabeln oder unter losen Steinen anonym übergeben wurden. Heute sollen Passanten auf die Datenträger laden, was sie gerade loswerden wollen. Oder staunen über das, was die Vorgänger in der digitalen Wundertüte hinterlassen haben.

Es ist eine Tauschbörse der besonderen Art: Computer anstöpseln und los geht's – auch auf die Gefahr hin, sich dabei einen Computer-Virus einzufangen. Es ist ein Flirt mit dem Konspirativen – und der Vorstellung, zum Denken anzuregen: Das Denkmal wird quasi zum digitalen Datenträger.

Der in Bremen geborene Medienkünstler Aram Bartholl beansprucht die geistige Urheberschaft für das Projekt, das er 2010 bei einem New York-Aufenthalt entwickelt hat. Ein Blick auf die Projektseite des heute in Berlin lebenden 42-Jährigen weist weltweit 1544 solcher eingemauerten USB-Sticks aus. Darauf: Lyrik, Fotos, wissenschaftliche Arbeiten, blödsinnige Sprüche – und Gefährliches. In Köln entdeckten Polizisten in so einem „dead drop“ Anleitungen für den Bombenbau.
 

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