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Blick hinter die Kulissen : Kunstmuseum Bern restauriert Gurlitt-Nachlass öffentlich

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Staub, Klebstoff, Knickecken: Restauratorinnen nehmen die beschädigten Werke aus der Gurlitt-Sammlung in Bern jetzt unter die Lupe. Was schadet, muss weg, aber die Geschichte soll sichtbar bleiben.

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erstellt am 18.Aug.2017 | 15:34 Uhr

Über weiße Klebefolien am Boden geht es in Bern in die eigens gebaute Gurlitt-Werkstatt.

Hier wird Kunst erster Güte restauriert: Zeichnungen, Gouachen, Holzschnitte, Werke von Liebermann, Dix, Macke und anderen, die die Nazis einst als «entartete Kunst» brandmarkten und aus Galerien und Museen räumen ließen.

Mit den Klebefolien soll der Schmutz an den Schuhen der Besucher ferngehalten werden. Vertrackter ist die Arbeit mit dem Schimmel, der teils in Papier und Passepartouts eingedrungen ist. Restauratorinnen sind mit Schutzanzügen und Masken am Werk.

«Die Werke wurden nicht gut gelagert, es gibt eine starke Oberflächenverschmutzung und viele eingerissene Ecken und Kanten», sagt die Restauratorin Dorothea Spitza. Zum Werkzeug der Fachleute gehören winzige Düsen, um Oberflächen schonend abzusaugen, Wattestäbchen für Lösungsmittel, Skalpelle zum Abtragen etwa von Kleberückständen. Eine akribische Arbeit.

Eine Restauratorin ergänzt am Rand einer Zeichnung von Christian Rohlfs eine fehlende Ecke. «Wir müssen damit die Bruchkante sichern, aber das neue Papier bleibt eine Schattierung heller, um stets sichtbar zu machen, dass es nachträglich angefügt wurde», sagt sie.

An einer Liebermann-Zeichnung glänzen Klebereste. «Wir fragen uns immer: Sind solche Spuren schädigend für das Objekt?» sagt Spitza. Wenn nicht, bleiben sie, etwa Vergilbungen. «Wir wollen ja nicht die Geschichte des Werkes eliminieren. Die ästhetische Seite spielt keine Rolle für uns.»

Besucher können den Restauratorinnen durch ein großes Fenster zuschauen oder an Führungen durch die Werkstatt teilnehmen. Dort werden zunächst die rund 200 Werke unter die Lupe genommen, die ab November ausgestellt werden, unter dem Thema: «Entartete Kunst».

Das Kunstmuseum hat ein schweres Erbe angetreten. Die Werke stammen aus der Sammlung von Cornelius Gurlitt, Sohn eines der Kunsthändler Adolf Hitlers, Hildebrand Gurlitt. Bis 2012 war unbekannt, dass Gurlitt rund 1500 Werke in seinen Wohnungen hatte, teils achtlos gestapelt. Der Fund war eine Sensation. Dass er das Kunstmuseum vor seinem Tod 2014 als Erbe einsetzte, war eine Überraschung. «Die Sammlung kommt mit einer großen Verantwortung», sagt die Direktorin des Museums, Nina Zimmer, der Deutschen Presse-Agentur.

Dazu gehört etwa aufzuklären, woher die Werke stammen. Raubkunst ist es nicht, wie Experten geklärt haben, vielmehr Werke, die die Nazis als «undeutsch» aus Museen entfernt hatten und verscherbeln ließen. Dafür war die Schweiz ein Umschlagplatz. Der Galerist Theodor Fischer spielte eine zentrale Rolle. Er war mit Gurlitts Vater Hildebrand befreundet und hatte in Luzern das größte Auktionshaus der Schweiz.

Am 30. Juni 1939 bot er im Grand Hotel National 125 der 20 000 konfiszierten Werke zum Verkauf an. Darunter war das Porträt «Mascha» von Otto Mueller. Ein Aufkleber hinten auf dem Rahmen zeigt: Es gehörte einst dem Wallraf-Richartz-Museum. Es wurde nicht verkauft, und Gurlitt erwarb es anschließend privat von Fischer. Jetzt liegt es in Bern auf dem Ateliertisch, wo Fachleute versuchen, eine wohl in den 60er Jahren aufgetragene Wachsschicht zu entfernen.

Ob die Schweiz zu Recht in die «anrüchige Nähe eines profitierenden Schiebers von Raubgütern» gerückt wurde, untersuchte eine Schweizer «Experten-Kommission 2. Weltkrieg». 2002 hielt sie fest: «Bezüglich des Handels mit «entarteter Kunst» zeigt die Studie deutlich, dass die viel beachtete Auktion der Galerie Fischer 1939 in Luzern zu einer engeren Verflechtung des schweizerischen Kunstmarktes mit NS-Deutschland beitrug.» Die Auktion habe dem «Dritten Reich» eine halbe Million Schweizer Franken an Devisen zugeführt. Und: «Die Schweiz war Umschlagplatz für Raubgut und Fluchtgut aus NS-Deutschland und den besetzten Gebieten.»

«Oft wird die Geschichte der «entarteten Kunst» rein aus deutscher Perspektive erzählt, deshalb sei der Blick aus der Schweiz auf das Thema sehr wichtig», sagt Zimmer. Das Kunstmuseum forscht mit diesem Erbe nun besonders intensiv dazu. «Ob und wie fundamental man diese Geschichte umschreiben muss, weiß ich nicht, aber es gibt immer noch mal wieder Akzentverschiebungen.»

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