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Olsenbande im Visier der Gerichtsmedizin : „Keine Bagatelldelikte, die drei gehören hinter Gitter“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Drei Leipziger beleuchten die Olsenbande aus gerichtsmedizinischer Sicht

svz.de von
erstellt am 01.Feb.2017 | 19:25 Uhr

Gleich am Beginn des ersten Films wären Egon, Benny und Kjeld eigentlich schon tot. Die drei Ganoven testen in einem Rohr mit Dynamit, ob die Sprengkraft für einen Einbruch ins Museum ausreicht. Sie nehmen 100 Gramm davon, und es knallt mächtig gewaltig. „Unrealistisch“, sagt Rechtsmediziner Benjamin Ondruschka. 100 Gramm Dynamit legen Häuser in Schutt und Asche, die drei im Rohr wären auf der Stelle tot. „Schon drei Gramm hätten für den Test völlig gereicht“.

Ondruschka hat gemeinsam mit dem Forensischen Psychiater Steffen Bratanow und dem Juristen Denis van Ngoc alle Folgen der Olsenbande-Filme aus gerichtsmedizinischer Sicht untersucht. Sind die gezeigten Verletzungen realistisch? Wie sind die Verbrechen juristisch zu bewerten? Gibt es psychiatrische Krankheitsbilder, die sogar vor Gericht begründen?

Dafür haben die drei Leipziger ein Jahr lang alle 14 Filme der Olsenbande gemeinsam gesehen, oft zwei pro Abend, 22 Stunden Filmmaterial. Jeder machte sich Notizen zu seinem Fachgebiet. Das Ganze floss ein in einen Vortrag vor der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin, den Benjamin Ondruschka auf einem Kongress im Mai 2016 in Rostock hielt und in einen Artikel, der im „Archiv für Kriminologie“ veröffentlicht wurde. Titel: „Das Phänomen Olsenbande aus forensischer Sicht.“ Für die drei ist das durchaus ernsthafte Wissenschaft, das zeigt die zwölfseitige Veröffentlichung in dem renommierten Fachjournal. Jurist Denis van Ngoc: „Natürlich hat die Sache auch Spaß gemacht.“ Speziell Benjamin Ondruschka ist großer Olsenbanden-Fan.

 

Doch zu welchen Ergebnissen sind der Rechtsmediziner, der Jurist und der Psychiater gekommen? Egon Olsen (Ove Sprogøe, 1919–2004) wird geschlagen, vereist und einbetoniert. Er übersteht alles mit leichten Kratzern, Blut fließt nie. Im Laufe der Folgen hätte er zig Mal auf dem Sektionstisch der Rechtsmedizin oder zumindest in der Notaufnahme landen müssen. Doch in den Filmen braucht er nicht mal ärztliche Hilfe.

So soll Egon in Film 6 „Der (voraussichtlich) letzte Streich der Olsenbande“ mit einbetonierten Füßen in einer Hafenanlage ertränkt werden. Dabei ist er etwa elf Sekunden unter Wasser, ehe er unsanft aus großer Höhe auf dem Kai landet. Im Realfall wären schwerste Stauchungsfrakturen am Becken und den unteren Extremitäten zu erwarten. Egon Olsen hingegen eröffnet umgehend seinen nächsten Plan.

Im juristischen Sinne haben die drei eine Bande gebildet, das ist in Dänemark genauso wie in Deutschland strafbar. Sie begehen gemeinsam und wiederholt Einbrüche, schwere Bandendiebstähle, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Gefangenenbefreiung, Gefährdung des Bahn-, Schiffs- und Luftverkehrs – mehrjährige Gefängnisstrafen wären für alle fällig. Es ging immer um Millionen und immer schief. Rechtsanwalt Denis van Ngoc: „Das sind keine Bagatelldelikte, die drei gehören hinter Gitter.“ Allerdings wären die Straftaten mittlerweile nach deutschen Maßstäben verjährt.

Der Psychiater Steffen Bratanow wiederum bescheinigt Egon Olsen eine narzisstische Neigung, allerdings ist er bei all seinen Taten schuldfähig. Kjeld Jensen (Poul Bundgaard, 1922–1998) wiederum, sein beleibter Kumpel, zeigt in einer Folge eine dissoziative Störung, ohne dass sie zu einem straftatrelevanten Zeitpunkt aufgetreten wäre. Die Betroffenen regieren auf sehr belastende Erlebnisse mit der Abspaltung von Erinnerungen oder gar ganzen Persönlichkeitsanteilen. So lassen sich unerträgliche Erfahrungen ausblenden. Komplett psychiatrisch unauffällig bleibt Benny Frandsen (Morten Grunwald, geb. 1934). Die Bandenmitglieder treibt der Wunsch nach einem sorgenfreien Leben in Luxus, normalpsychologische Motive.

Die Resonanz die Veröffentlichung in der Fachzeitschrift war groß. Inzwischen haben die drei Leipziger sogar schon eine Art Krimi-Dinner veranstaltet, das sofort ausverkauft war.

Fans der Olsenbande gibt es auch 19 Jahre nach dem letzten Dreh viele. Doch (leider) sind keine Lesetouren geplant. Immerhin sind Ondruschka, van Ngoc und Bratanow berufstätig und haben Familie. So bleiben nur gelegentliche Events. Geplant ist z.B. die Teilnahme an der nächsten „Nacht der Wissenschaften“ in Leipzig. Dann geht es auch wieder um die Szene in „Die Olsenbande fährt nach Jütland“, in der Kjeld sich so erschreckt, dass er ohnmächtig wird und bewusstlos im Wasser treibt. Auf dem Rücken liegend! Rechtsmediziner Benjamin Ondruschka sieht es mit Grausen. „Bewusstlos im Wasser treibt man immer auf dem Bauch.“


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