200 Jahre Karl Marx : „Kein totalitärer Denker“

Als Denker prägte er die Weltgeschichte: Karl Marx auf einem Porträt aus dem Jahre 1875.
Als Denker prägte er die Weltgeschichte: Karl Marx auf einem Porträt aus dem Jahre 1875.

Im Jubiläumsjahr zeigt Trier in zwei Häusern die große Ausstellung zu dem Autor des Klassikers „Das Kapital“. Marx soll wieder neu verstanden werden – und zwar als Mann seiner Zeit.

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22. November 2017, 05:00 Uhr

Kein zweiter Denker hat so sehr Geschichte gemacht wie Karl Marx (1818–1883). Von Oktoberrevolution bis Maos China – Marx’ Theorie von Kapital und Klassenkampf hat die politische Geschichte des 20. Jahrhunderts geprägt, nicht immer zum Vorteil des Philosophen und Ökonomen. Das soll sich 2018 ändern. Zum 200. Geburtstag soll es wieder um Marx selbst gehen.
„Wir wollen ihn von den Deutungen des 20. Jahrhunderts befreien“, sagt Rainer Auts, Geschäftsführer der Ausstellungsgesellschaft, die in Trier, dem Geburtsort des „Kapital“-Verfassers, die Jubiläumsausstellung präsentieren wird. Im Rheinischen Landesmuseum geht es ab dem 5. Mai 2018 unter dem Titel „Leben. Werk. Zeit“ um Marx’ Wirken als Epochenpanorama des 19. Jahrhunderts. Seine Biografie wird im Stadtmuseum unter dem Titel „Stationen eines Lebens“ nachzuvollziehen sein.

Der Ausstellungsetat beläuft sich nach den Worten von Rainer Auts auf 5,1 Millionen Euro. Rund eine Million kommen von Stadt Trier und Land Rheinland-Pfalz als den Gesellschaftern der Ausstellungsgesellschaft, weitere 1,5 Millionen vom Bund. „Der restliche Betrag soll eingeworben werden“, sagt Auts.

So wie Auts votieren auch andere Marx-Experten dafür, den Erfinder einer überaus wirkmächtigen Theorie von späteren Interpretationen zu befreien. „Wir müssen das zeitlose Idol, zu dem Karl Marx geworden ist, aufbrechen und ihn wieder in die Geschichte hineinholen“, fordert Thomas Welskopp, Professor für die Geschichte moderner Gesellschaften an der Universität Bielefeld. Der Kult um den Denker habe den Blick auf sein Werk eher verstellt. Das findet auch Gerald Hubmann. „Marx war kein Marxist. Er ist kein totalitärer Denker“, sagt der Forscher, der an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften die internationalen Arbeiten an der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) koordiniert.

Aber wie wichtig ist Marx noch, der mit seinen Theorien von Mehrwert und Klassenkampf das politische Denken von Generationen angeregt hatte? „Die Verkaufszahlen für ,Das Kapital‘ sind nach der Wende 1989 zunächst eingebrochen. Seit der Finanzkrise von 2008 steigen sie aber wieder. Das Hauptwerk von Karl Marx ist wieder gefragt“, beschreibt Sabine Nuss die Konjunkturkurve, die Marx und sein Werk in den letzten Jahren durchlaufen haben. Nuss hilft fleißig mit, das Interesse an Marx neu zu beleben. Die Leiterin der Politischen Kommunikation bei der Berliner Rosa-Luxemburg-Stiftung und Co-Geschäftsführerin des Karl-Dietz-Verlags Berlin, der die Ausgabe „Marx Engels Werke“ herausgibt, engagiert sich maßgeblich für die Online-Plattform „Marx 200“. Die Netzseite bietet von Blog bis Terminagenda eine Fülle von Materialien zum bevorstehenden Jubiläum. Thomas Welskopp fordert, die Forschung zu Marx zu intensivieren.

„Die Analysen von Karl Marx sind weiter aktuell, weil sie viele Aspekte der gegenwärtigen ökonomischen und gesellschaftlichen Situation erklären“, findet Sabine Nuss. „Karl Marx weist vor allem darauf hin, dass die Menschen die Geschichte machen und dass sie es sind, die Geschichte auch ändern können“, fügt Rainer Auts an. Er will Marx als anregenden Philosophen neu entdeckt sehen.

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