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Kein Mord ohne meine Familie

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Das werden wir wohl nicht mehr erleben – einen Leipziger „Tatort“ ganz ohne Familienknatsch. Wie auch? Mord und Totschlag sind ja hier stets reine Privatsache unserer Möchtegern-Kommissare Saalfeld und Keppler (Simone Thomalla, Martin Wuttke). Aber geht es mal nicht um die Kabbeleien des einstigen Liebespaares, um Mutti, Vati oder sonstige Verwandte, dann kann selbst der L.E.-„Tatort“ punkten. Immerhin, einmal hatten wir dieses Glück – 2010 in „Absturz“ .

Und gestern Abend? Der Tod des türkischen Nachbarschaftspaten Abdul Günes, die Machenschaften seines Sohnes und dessen Ex-Geliebter – das alles hätte auch mal nüchtern betrachtet werden können. Mit echten No-Names, echten Problemen in einem echten Sozialbiotop. In diesem Fall: in Leipzigs Migranten-Halbwelt.

Aber nein, die zwielichtige Ex-Geliebte des Patensprösslings (Denis Moschitto) musste ausgerechnet Evas Schwester Julia sein (Josephine Preuß), der Strippenzieher aus dem Knast Evas Vater Horst (Günter Junghans) und Günes’ Mörder der leibhaftige Onkel von Eva und Julia – Hamid Özer (Tayfun Bademsoy). Mehr Konstruktion geht in einem „Tatort“ nicht.

Ein Wunder also, dass dieser Fall trotzdem funktionierte. Denn so, wie Andreas Pflüger (Buch) und Regisseurin Christine Hartmann ihre Geschichte gebaut und inszeniert haben, entwickelte sie doch einige Spannung und reizvolle Momente. Das betraf die Dramaturgie des Falls ebenso wie die Gefühlsbilder mit Hang zum Running Gag. Hier die Liebe, die Verletzungen und schließlich der Mord innerhalb der Migrantenfamilien, da die Testosteron-Kämpfe zwischen Jung-Pate Denis und Alt-Bulle Keppler. Großartig das Gebalze um den „Mustang V8“. Wann warf je im „Tatort“ ein böser Junge einem guten Cop die Autoschlüssel mit der Aufforderung zu – „Hier, Du darfst auch mal“?

So ging es gestern Abend wenigstens unentschieden und mit der abermaligen Erkenntnis aus: der Leipziger „Tatort“ braucht keinen Familienknatsch, um uns zu gefallen. Evas intime Nöte sind nicht mehr als – Schmuck am Nachthemd.

„Tatort – Türkischer Honig“, gestern ARD


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