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Werner Klemke : Kater und Wolkenschaf

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Aus der Onlineredaktion

Generationen lernten mit der Kunst von Werner Klemke lesen. Sein Sohn verwaltet mit seinen Schwestern das Erbe des Künstlers

svz.de von
erstellt am 12.Mär.2017 | 05:00 Uhr

Erotisch und humoristisch mit Augenzwinkern: Der DDR-Grafiker Werner Klemke verschaffte einem kleinen schwarzen Kater ein aufregendes Leben. Mal kommt die Samtpfote den gezeichneten, fast nackten Schönheiten auf dem Zeitschriftencover gefährlich nahe. Dann wieder ist er nur einfach der Dritte im Bunde, sitzt versteckt am Rand und beobachtet schelmisch knisternde Zweisamkeit. Schöpfer des Katers ist der Berliner Illustrator und Grafiker Werner Klemke, der am 12. März 100 Jahre alt geworden wäre.

Einen großen Teil seiner Popularität verdankt Klemke dem kleinen Kater. Von 1955 bis Februar 1990 zeichnete er für die DDR-Zeitschrift „Das Magazin“ 423 Titelbilder – auf denen nie die schwarze Katze fehlte. „Manchmal machte er sich einen Scherz und es sind nur Schwanzspitze oder Schnurrhaare zu sehen“, erzählt sein Sohn Christian, der mit den drei Schwestern das Erbe verwaltet. Nach dem Maskottchen musste dann schon genau gesucht werden.

Mit seinen Arbeiten erreichte Klemke ein Millionenpublikum. Er gestaltete Hunderte Bücher und Zeitschriften. Aus seiner Hand stammen Illustrationen für Boccaccios „Decamerone“ oder Diderots „Nonne“.

Kinder erlebten die Abenteuer in Grimm’s Märchen mit den von ihm gemalten Figuren. Dazu lieferte er die Grafiken für Kinder- und Jugendbücher wie „Bootsmann auf der Scholle“ oder „Das Wolkenschaf“.

Außerdem lernten Generationen von Erstklässlern mit der von ihm gestalteten Schulfibel „Oma“ und „Mama“ zu buchstabieren.

Mit ungeheurer Produktivität erledigte Klemke Aufträge für Plakate, Post- und Glückwunschkarten, aber auch Briefmarken. Zu seinem 50. Geburtstag 1967 erschien bereits ein dicker Band mit gesammelten Werken. „Was kann denn jetzt noch kommen, wunderte sich Vater“, erzählt sein Sohn.

Klemke war ein disziplinierter Arbeiter. Morgens ab 10 Uhr saß er am riesigen Schreibtisch. Nur mit einer kleinen Mittagspause arbeitete er zum Teil bis in die Nacht. Die eigenen vier Kinder und später die Enkel konnten ihn jederzeit stören. „Der Lärm machte ihm nichts aus“, sagt sein heute 67 Jahre alter Sohn, ein Dokumentarfilmer. Mit unendlicher Geduld malte Klemke für die Kinder Elefanten oder Mäuse.

Der Künstler liebte Bücher über alles – besaß selbst rund 30 000 Exemplare. „Wir hatten Angst, dass die Böden die schwere Last irgendwann nicht mehr tragen“, sagt Christian. Am glücklichsten fühlte sich der Vater, wenn er ein Buch komplett gestalten konnte: vom Einband, Schutzumschlag, Layout, der Schrift bis zur Illustration und dem Papier. „Bücher sind für die Leser. Ihnen muss es Spaß machen, sie zu lesen“, war eine seiner Maximen.

Klemke wurde als Sohn eines Tischlers in Berlin geboren. „Er war Autodidakt, besuchte nie eine Kunstschule“, sagt sein Sohn. 1949 erschien sein erstes Buch: „Humoristische Skizzen aus dem deutschen Handelsleben“ von Georg Werth – mit Holzschnitten im Stil des 18. Jahrhunderts. „Von da an ging es bergauf, er war gefragt“, erzählt Christian. Zudem wurde er Dozent an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee.

Eine unbekannte Seite aus dem Leben des Vaters wurde erst nach seinem Tod bekannt. Klemke hatte nie viel von seiner Zeit als Soldat in den Niederlanden berichtet. Er habe dort Lebensmittelkarten für Juden gefälscht, erzählte er einmal. Die niederländische Filmemacherin Annet Betsalel („Treffpunkt Erasmus – die Kriegsjahre von Werner Klemke“, 2015) fand 2011 durch Zufall heraus, dass er auch Pässe für Juden fälschte. Damit konnten sie fliehen.

Klemke starb 1994 nach zwei Schlaganfällen. „Vater hinterließ als Erbe auch sechs Tonnen Papier“, sagt der Sohn. Die Originale und Arbeiten gingen an das Buchmuseum in Offenbach. Ihm zu Ehren wird in der Grundschule in Berlin-Weißensee, die er selbst besuchte, eine kleine Schau eröffnet. In seinem einstigen Atelier in Berlin-Weißensee bietet seine Tochter Christine, selbst Malerin und Grafikerin, Malkurse an. „Und die Zeitschrift ,Magazin‘ hat in der März-Ausgabe einen Kater auf dem Cover“, sagt Mitherausgeber Till Kaposty-Bliss. Die Künstlerin Kat Menschik, die seit 2015 das Titelbild zeichnet, lässt ihn wieder regelmäßig auftauchen.

 

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