Ausstellung Trier : Karl Marx als Sympathieträger

Trier im Zeichen von Karl Marx: Im Stadtmuseum Simeonstift zeigen die Rollos das Konterfei des Denkers.  Foto: Harald Tittel
Trier im Zeichen von Karl Marx: Im Stadtmuseum Simeonstift zeigen die Rollos das Konterfei des Denkers. Foto: Harald Tittel

Große Ausstellung zum Jubiläum: Trier inszeniert seinen großen Sohn mit einer splendiden Historienschau

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04. Mai 2018, 12:00 Uhr

Trier | Sie rattert, schnauft, rotiert im Rhythmus einer Arbeit, die niemals endet. Hoch oben im Rheinischen Landesmuseum in Trier schuftet die Marx-Maschine. „Kapitalistische Produktion“ steht auf dem Werksschild. Begriffe wie „Geld“, „Lohn“ und „Profit“ laufen über Spruchschleifen, die wie Förderbänder aussehen. Die groben Werkzeuge Kelle, Zange, Hacke erinnern an die harte Maloche jener Zeiten, in denen Karl Marx sein Epochenwerk „Das Kapital“ schrieb. Und auf einem Kreislaufdiagramm kann der Besucher nachvollziehen, wie sich Marx einen Wirtschaftsprozess dachte, der die Arbeiter ausgebeutet zurückließ. Der spektakuläre Ausstellungsraum zeigt: Trier feiert seinen Sohn Karl Marx zum 200. Geburtstag als Epochengestalt, Ideengeber, Imageträger. Kontroversen um den einstigen Aufreger Marx? Die scheint es kaum noch zu geben. Das gilt nicht nur für das Großaufgebot von Ausstellungen in vier Häusern. Karl Marx gibt es als Ampelmännchen, Miniaturstatue, Backform, Badeentchen. Sogar der Wein, der auf dem ehemaligen Grundstück der Familie Marx wachse, sei ein edler Tropfen, betont Triers Oberbürgermeister Wolfram Leibe. Pünktlich zum Jahrestag wird auch die Kontroverse um die gigantische Marx-Statue, die die Volksrepublik China der Stadt Trier zum Geschenk gemacht hat, offiziell mit knapper Geste abgeräumt. Darf man ein solches Geschenk von einem Staat annehmen, der seine Bürger entmündigt und drangsaliert? „Die Moralfrage gehört in die große Weltpolitik“, meint Leibe nun. Die große Linie wird klar gezogen. „Karl Marx kann man nicht die Gräueltaten des 20. Jahrhunderts zuschreiben“, sagt Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, will aber „die Opfer der SED-Herrschaft nicht vergessen“.

Karl Marx und der Kommunismus, das sind aus der Sicht der Ausstellungsmacher getrennte Sphären. „Wir wollen Marx historisieren, ihn loslösen von den Dogmatisierungen des 20. Jahrhunderts“, erklärt Beatrix Bouvier, wissenschaftliche Leiterin der Landesausstellung zum 200. Geburtstag des Philosophen. Historikerin Bouvier und ihr Team stellen Marx im Rheinischen Landesmuseum folgerichtig in ein großes Historienpanorama des 19. Jahrhunderts. Napoleon und Industrialisierung, Freiheitskampf und das Elend der Arbeiter – die Figur Karl Marx geht in dieser großen Erzählung streckenweise unter.Immerhin gibt es sein Doktordiplom ebenso zu sehen wie die einzige handschriftliche Seite aus dem Kommunistischen Manifest von Marx und Engels, die sich erhalten hat. Knappe Texte und Illustrationen in flottem Comic-Stil bringen Marx’ Lehre kurzweilig auf den Punkt. Zugleich nerven aufdringliche Inszenierungsmätzchen. Nachgebaute Gitterzellenoder Barrikaden wirken ebenso übertrieben wie der Raum in feurigem Kommunistenrot, in dem das „Kapital“ thematisiert wird. Trier steckt Marx in die Achterbahn einer kurzatmig wirkenden Historiendoku.

Wie gut, dass die Ausstellungsmacher im Stadtmuseum das Leben von Marx ganz konventionell nacherzählen. Sie schicken den Denker auf seine Lebensreise von Trier bis nach Paris, Brüssel und London.Jeder Stadt ihr Raum: Das ist ebenso vernünftig wie überraschungsfrei. Gemälde illustrieren Armut und Industrialisierung. Grafiken verdeutlichen die persönlichen Netzwerke, die Karl Marx stützten. Wer wissen will, wie bedrängt und heimatlos er gelebt hat, muss Knöpfe drücken, die zu Briefen und Archivalien führen. Wer den Befehl sieht, mit dem Marx 1848 aus Belgien ausgewiesen wird, wer einen Blick auf Marx’ Gesuch wirft, sich in England niederlassen zu dürfen, oder den Reisepass anschaut, der ihm das Recht gab, Frankreich zu verlassen, der ahnt etwas von dem Druck, den der Flüchtling Marx ein Leben lang aushalten musste.

Karl Marx aus seiner Zeit heraus verstehen: Mit dieser Strategie gewinnen Marx und sein Werk in Trier tatsächlich frische, von ideologischen Grabenkämpfen vergangener Zeiten unbelastete Kontur. Zugleich fällt aber weg, was an Marx und seinem Denken stört. Der rigide Prophet, der alles in Zweifel ziehen wollte, aber keinen Widerspruch duldete, der Architekt einer neuen Gesellschaftsordnung, der Parolen formulierte, die im 20. Jahrhundert zu Waffen im Kampf der Ideologien wurden – all das wird ausgeblendet.

Expertin Beatrix Bouvier und Ministerpräsidentin Malu Dreyer trauen Marx zu, mit seinen Analysen Antworten auf die Frage nach den Ungerechtigkeiten von Turbokapitalismus und Globalisierung geben zu können. Wer Marx angeblich nur historisch verstehen will, ihm aber zugleich ungebrochene Aktualität attestiert, sollte auch die Frage stellen, warum ausgerechnet der Freiheitstraum von Karl Marx im 20. Jahrhundert von kommunistischen Gewaltherrschern missbraucht werden konnte.

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