Konkurrenz für Print : Ist das Buch vom Aussterben bedroht?

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Am 23. April ist der Tag des Buches. Doch das gedruckte Wort hat Konkurrenz bekommen. Kein Grund zur Sorge, sagen Fachleute.

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21. April 2018, 16:00 Uhr

Laut Unesco-Definition ist ein Buch eine „nichtperiodische Publikation mit einem Umfang von 49 Seiten oder mehr“. Anhänger des gedruckten Wortes sind hingegen der festen Überzeugung, dass das Buch viel mehr ist. Bücher informieren, sie entführen uns in andere Welten, sie trösten, sie motivieren, speichern Wissen und lassen uns Energie tanken.

Doch im digitalisierten Zeitalter hat das Multitalent aus Papier ernsthafte Konkurrenz bekommen. Das World Wide Web ersetzt das Wälzen gewichtiger Lexika und spuckt in Sekundenschnelle aus, was wir früher lange nachblättern mussten. Es unterhält uns und macht vieles im Leben einfacher. Auch wer in den Urlaub fliegt, in der Bahn sitzt oder sich den Platz im Wohnzimmer-Regal sparen will, der lädt sich Geschichten, Romane und Co. aus dem Netz einfach auf seinen E-Book-Reader. Ein Fliegengewicht mit üppiger Speicherkapazität. Doch löst es das Buch tatsächlich ab? Wischen statt blättern? Stand heute nehmen E-Books in Deutschland gerade einmal fünf Prozent (Schul- und Fachbücher nicht eingerechnet) des gesamten Marktanteils ein. Weitere fünf Prozent gehen auf das Konto von Hörbüchern. 90 Prozent des Marktes dominieren also nach wie vor Bücher mit Hand und Fuß.

Laut dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels stagnieren die Verkaufszahlen von E-Books. 2017 waren sie das erste Mal sogar rückläufig. „Das E-Book ist weit davon entfernt das Buch zu verdrängen“, weiß der Pressesprecher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Thomas Koch. Dennoch nehmen Verlage und Buchhandel das Ganze ernst und schließen sich vermehrt dem E-Book und E-Reader-Anbieter Tolino an. Tolino ist seit 2013 eine Allianz aus deutschen Buchhandlungen sowie der Deutschen Telekom und die Antwort auf den internationalen Marktführer Kindle. Im Gegensatz zum Kindle von Amazon ist der Tolino ein offenes System. Das heißt, Kunden können ihre E-Books bei jedem Anbieter herunterladen und auf jedem E-Reader lesen.


Stabile Umsätze

Sehen wir einmal über den großen Teich, ist die Lesewelt anders aufgestellt: In den USA belegen E-Books über ein Viertel des Umsatzes des Marktes. „Natürlich hat die digitale Entwicklung Auswirkungen auf unsere Branche“, so Koch. Dennoch bleiben die Umsätze des deutschen Buchhandels im Zehn-Jahres-Vergleich weiterhin stabil. Allerdings ist die Zahl der Käufer bedenklich zurückgegangen. Im Zeitraum zwischen 2012 und 2016 ist die Zahl von 36,9 auf 30,8 Millionen, sprich um 16 Prozent gesunken. Andererseits erwerben die treuen Buchkäufer mehr und im Schnitt teurere Titel als früher.

Die Umsätze waren 2017 über alle Warengruppen hinweg leicht rückläufig. Ein kleines Minus von einem Prozent verzeichnete die bedeutendste Warengruppe: die Belletristik. Das Kinder- und Jugendbuch schafft mit einem Umsatzsprung von neun Prozent Plus den Ausgleich – der sogenannte „Harry-Potter-Effekt“. Einbußen bis zu drei Prozent gab es bei Sach- und Reisebüchern sowie Ratgebern. Laut Börsenverein stabilisiere sich die Lage im Moment wieder.

Mit einer aktuellen Marktforschung will der Börsenverein der Sache auf den Grund gehen. Der Staatsfeind des Buches sind die sozialen Medien. Die hohe Kommunikationsdichte strapaziere das Zeitbudgets der Nutzer empfindlich. Facebook und Konsorten sind Freizeitfresser. „Viele Menschen kommen bei dem digitalen Strudel einfach nicht mehr zum Lesen“, sagt Thomas Koch. Empirische Untersuchungen haben zudem ergeben, dass die Aufmerksamkeitsspanne der Konsumenten allgemein kürzer wird.

Doch auch die rückläufigen Kundenfrequenzen in den Innenstädten führt der Börsenverein mit auf. So finden sich immer weniger Käufer in den Buchhandlungen vor Ort. „Wir blicken dennoch optimistisch in die Zukunft. Unser Buchhandel ist gut aufgestellt, auch wenn er kräftig geschüttelt wird und es weniger Buchhandlungen gibt als früher. Ich bin mir sicher, dass im Buch noch ziemlich viel steckt“, so Thomas Koch.

Die großen Filialisten haben in den vergangenen Jahren Verkaufsflächen reduziert, in die sie Anfang der 2000er-Jahre investiert haben. Auch bei den kleinen Buchhandlungen mussten zahlreiche Geschäfte aufgeben, dafür gab es in den letzten drei Jahren auch etliche Neugründungen.

Nina Hugendubel ist Geschäftsführerin eines der größten deutschen Buchhandel-Unternehmen. „Wir sind davon überzeugt, dass immer gelesen werden wird. Nur die Form und das Einkaufsverhalten verändern sich“, sagt sie und hält konsequent am gedruckten Buch fest.

Die Branche reagiert auf den Wandel mit „Cross-Channeling“. Damit werden die Vorteile des Handels vor Ort (persönliche Beratung, Einkaufserlebnis) mit denen des Online-Einkaufs (große Verfügbarkeit, Rund-um-die-Uhr-Bestellung) kombiniert und das Buch über verschiedene Kanäle an den Käufer gebracht. Der Anteil des Internetgeschäftes am Gesamtumsatz belief sich 2017 auf 18,2 Prozent.

Kein Grund für weniger Buchkäufe sei das Geld. Bücher sind in den letzten Jahren nicht viel teurer geworden und die Preisgestaltung sei nach wie vor moderat.

Untersuchungen belegen auch, dass das Lesen ein menschliches Bedürfnis ist. „Gerade in der heutigen Zeit haben Menschen eine große Sehnsucht nach Entschleunigung. Wer ein Buch liest, hat eine lineare Erzählung vor sich und braucht kein Multitasking“, findet Thomas Koch. Das Buch sei ein Ruhepol in der Hektik des Alltages. Außerdem würden viele auf die Haptik und auf das Rascheln von Papier eines echten Buches nicht verzichten wollen.

Ganz ähnlich beobachtet das auch Bernd Hatscher, Direktor der Stadtbibliothek in Lübeck. „Das Buch bietet im Gegensatz zum Internet eine einfache und zuverlässige Form der Information. Ein Buch wurde mehrfach geprüft. Im Netz kann jeder schreiben, was er möchte. Die Digitalisierung kommt für mich dazu, ersetzt das Buch aber nicht.“ Bernd Hatscher ist bekennende Leseratte und wagt die Prognose: „Das E-Book ist ein Trendartikel und flüchtig.“

Dennoch halten die meisten Bibliotheken des Landes E-Books vor. „Damit erreichen wir vor allem die jüngere Generation“, so Hatscher. Aktuell verzeichnen Bibliotheken einen Rückgang in den Ausleihen. „Doch die Zahlen sind manipulierbar und sagen nichts über das Leseverhalten aus“, setzt der Leiter entgegen. Viel aussagekräftiger seien die Nutzungszahlen und die sind kontinuierlich hoch geblieben. Letztes Jahr waren es in der hanseatischen Bibliothek 1 053 000 Nutzungen aller Medientypen, davon waren 767 000 digital.

Bibliotheken entwickeln sich für den Direktor immer mehr zum „Lernort“ mit Wohlfühlatmosphäre. „Und wenn junge Menschen erst einmal bei uns sind, entdecken sie oft das Buch für sich.“ Studien haben weiter gezeigt, dass es schon immer Verschiebungen im Leseverhalten in den Lebensphasen gegeben hat. Die größte Lesergruppe findet sich demnach bei den unter 19-Jährigen und über 70-Jährigen.

Etwa 90 Prozent der Buchhandlungen in Deutschland sind kleinere, unabhängige Buchläden. Dazu gehört eine kleine Buchhandlung im Flensburger Stadtteil Mürwik. Auch wenn Inhaberin Carola von Sturmfeder-Klein auf den digitalen Zug mit aufspringt und einen E-Book-Shop anbietet, ist sie sich sicher, dass das gedruckte Buch auf keinen Fall verschwinden wird. „Das Buch ist schon bei der Erfindung des Radios und Fernsehens totgesagt worden“, sagt sie. Auch seien ihre Verkaufszahlen von E-Books und E-Readern zurückgegangen. „Ich sehe sie auch nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung unseres Sortiments.“ Zudem müsse man als Käufer unterscheiden, ob man bei einer Bestellung einem Onlineriesen zu Gewinn verhelfe oder den örtlichen Buchhandel unterstütze. „Wir können alles, was Amazon auch kann: Lieferung am nächsten Werktag und das aufgrund der festen Preisbindung auch nicht teurer.“


Keine echte Alternative

Anfang 2017 wurde der Science Fiction-Autor William Gibson im Zeit-Magazin gefragt, warum es überhaupt noch Bücher gibt. Seine Antwort bringt es auf den Punkt: „Weil alle Alternativen nicht befriedigend sind. Ein physisches Objekt, das 300 unterschiedliche Screenshots darstellt, aber keine Elektrizität benötigt und für die Ewigkeit ist, wenn Sie es einigermaßen warm und trocken halten, ist eine verblüffende, hochmoderne Technologie. Mit der ersten elektromagnetischen Pulswaffe, die über Ihrer Stadt ausgelöst wird, werden alle anderen Informationen zerstört sein. Aber Ihr Buch ist noch da.“

Julia Voigt

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