Schelmenroman : Ingo Schulzes deutsch-deutscher «Simplicissimus»

Ingo Schulze hat einen Schelmenroman geschrieben.
Ingo Schulze hat einen Schelmenroman geschrieben.

Der 1962 in Dresden geborene Autor Ingo Schulze hat schon in den 90er Jahren mit seinem Bestseller «Simple Storys» den seinerzeit von der Literaturkritik heiß ersehnten «Wenderoman» geschrieben. Jetzt legt er nach - mit «Peter Holtz».

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05. September 2017, 13:34 Uhr

Peter Holtz spielt den «dummen Ossi» und macht am Ende scheinbar doch das Rennen, was ihn letztendlich aber auch nicht rettet. Wie Voltaires «Candide» ist er unermüdlich auf der Suche nach dem Glück und der besten aller möglichen Welten und irrt doch wie der «Simplicissimus» im Dreißgjährigen Krieg oder der moderne «Forrest Gump» als «reiner Tor» durch die Wirrnisse der Zeit.

Für Ingo Schulze («Simple Storys - Roman aus der ostdeutschen Provinz») mangelt es auch der jüngsten deutsch-deutschen Geschichte samt Mauerfall und den bekannten Folgen nicht an unglaublichen Geschichten, an denen sich der 1962 in Dresden geborene Autor bisher schon abgearbeitet hat.

Jetzt hat Ingo Schulze sein grotesk-satirisches «Opus magnum» geschrieben, das bei der Bekanntgabe der Longlist zum diesjährigen Deutschen Buchpreis von vielen auch prompt zu den Favoriten gerechnet wurde, denn sein neues Buch hat durchaus das Zeug zum «ultimativen Wenderoman», wenn auch mit viel Augenzwinkern und gegen Ende mit einigen Längen («Peter Holtz - Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst», S. Fischer Verlag). Im Aufbau knüpft das Buch an die großen Vorbilder des «Simplicissimus» und «Candide» an, wenn es in einzelne Kapitel mit jeweils dazugehörigen Einleitungen untergliedert ist, zum Beispiel anfangs «zum Stellenwert des Geldes im Sozialismus».

Ingo Schulze erzählt die wundersamen Wege des Peter Holtz vom Waisenjungen in der DDR, der zum begeisterten Sozialisten und gläubigen Christen gleichermaßen (mit entstprechenden Problemen auf beiden Seiten) heranwächst («der Kommunismus ist die andere Seite des Christentums»), nach der Wende zur Immobilien-«Heuschrecke» mutiert und mehrfacher Millionär wird und schließlich daran arbeitet, das viele Geld auf möglichst anständige Weise wieder loszuwerden. Damit will der Tugendbold zur «Selbstreinigung des Kapitalismus» beitragen nach dem Motto «zu viel Geld im Umlauf ist eine enorme Gefahr für den demokratischen Kapitalismus», denn überflüssiges Geld stiftet nach Überzeugung des «reinen Tors» nur Unheil.

Das führt denn auch zum spektakulär-demonstrativen Finale des Romans. Dieses Ende ist so grotesk wie viele Episoden im abenteuerlichen Leben des Peter Holtz, der sich im «deutsch-deutschen Dschungel» zurechtzufinden versucht und wie ein Mephisto, nur umgekehrt, stets das Gute will und meist das Gegenteil davon erreicht. Zum Beispiel wenn er mit seinen kommunistischen Idealen als Kapitalist agieren und damit die Gesellschaft verbessern will. Aber Peter Holtz lernt auch, «was der Mensch alles für Geld macht» und wie absurd vermeintliche Selbstverständlichkeiten sein können (Loriot und Karl Valentin lassen grüßen).

Die gesellschaftspolitischen und ideologischen Diskussionen werden im Roman erfrischend, wenn auch manchmal etwas gewollt-konstruiert gebrochen von satirischen Seitenhieben und konterkarierender Situationskomik, zum Beispiel zur Wirtschaft oder dem Politik- und Kunstbetrieb in Ost und West. Wenn ihm ein Espresso angeboten wird, hat Peter Holtz «keine Eile» und will doch nur «Bohnenkaffee, gefiltert, wenn möglich!» Schulze spielt auch mit Ost-West-Stereotypen. Die aus dem Westen «sind ganz gute Liebhaber» oder «entpuppen sich als Psychopathen». Und «die im Osten wissen nicht, was sie wollen oder müssen durchgefüttert werden oder erzählen einem andauernd, wie toll sie mal gewesen sind».

Als die Mauer 1989 fällt und Peter Holtz seine erste vorsichtige Exkursion nach West-Berlin unternimmt («Weit und breit sehe ich niemanden, dem ich meinen Personalausweis zeigen könnte»), ermahnt der christliche Kommunist seinen Ost-CDU-Vorsitzenden «Lefèvre», Maßnahmen in der DDR vorzubereiten, «falls Verfolgte, Arme und Obdachlose zu uns kommen wollen!». Er dachte ja auch, nationale Einheit bedeute, «die BRD zu revolutionieren» und muss sich die Frage gefallen lassen: «Willst du dem Volk vorschreiben, wie es leben soll?» Bis Peter Holtz selbst einräumen muss: «Wir haben uns lange genug selbst belogen.»

Der moderne Simplicissimus und Don Quichotte Peter Holtz wollte doch aber «nur» die Gesellschaft verbessern und zeigte sich auch lernfähig, wie er selbst meinte, um dann doch resignierend zu bilanzieren: «Im Grunde ist mir gar nichts gelungen.» Und so bleibt ihm nur das Resümee des großen Aufklärers Voltaire, der seinen Candide am Ende sagen lässt, «wir müssen unseren Garten bestellen», egal, ob es Übel gibt oder Gutes.

Ingo Schulze hat seinen eigenen Beitrag dazu geleistet und nicht den schlechtesten. Jüngste deutsch-deutsche Geschichte mit all ihren wunderlichen Wendungen und Verirrungen lässt er mit leichter (also eher «undeutscher») Hand und nachdenklichen Tönen Revue passieren. Was «Good bye, Lenin!» oder «Sonnenallee» im Film geglückt ist, ist dem Alfred-Döblin-Förderpreisträger Ingo Schulze mit «Peter Holtz» jetzt in der deutschen Gegenwartsliteratur gelungen, mit noch weitergehenden Fragestellungen an die Gesellschaft, als es in den Filmen der Fall war.

Ingo Schulze: Peter Holtz - Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 576 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-10-397204-7

Peter Holtz

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