„Ich bin keine Lebensberaterin“

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„Alles inklusive“: Bestsellerautorin und Regisseurin Doris Dörrie findet in ihrem neuen Kinofilm mal wieder die Komik und Tragik im Banalen

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07. März 2014, 11:09 Uhr

Clubtanz am Pool, dicke Bäuche und Essensschlachten am Büfett: „Alles inklusive“ oder „All Inc.“, wie es im Hoteljargon heißt, war mal schwer in Mode. Doch in Zeiten von Individualtourismus ist so ein Pauschalurlaub für viele eine Horrorvision. Warum also einen Film darüber machen? Weil das „Hotel als Ort der gemeinsamen Hässlichkeit“ neue Möglichkeiten menschlicher Nähe eröffnet, meint Doris Dörrie im Interview mit Teresa Groß. Die 58-jährige verfilmte mit „Alles inklusive“ wieder einen ihrer eigenen Stoffe.


Hand aufs Herz: Mögen Sie das Urlaubskonzept „All inclusive“?
Doris Dörrie: Ganz ehrlich, ich schwärme für „All Inc.“, es berührt mich. Wenn ich einmal im Jahr mit meinen Studenten auf Exkursion gehe, machen wir immer „All Inc.“.
Und warum?
Für viele Menschen ist ein All-Inclusive-Urlaub eine Verschnaufpause in ihrem oftmals sehr komplizierten und anstrengenden Leben. Eine kurze Zeitspanne, in der so mancher im übertragenen Sinn die Hüllen fallen lässt und seine Versehrtheit, sein Beschädigt-Sein, preisgibt. Das tut heute ja kaum noch jemand. Jeder will das perfekte „Selfie“ posten und bloß keine Makel herzeigen. Dabei verbindet uns doch kaum etwas so sehr, wie unsere Makel zu teilen.
Was war schwieriger: Hannelore Elsner von der Sexszene zu überzeugen oder Hinnerk Schönemann von seiner Rolle als Transvestit mit Nagellack und falschen Wimpern?
Keines von beidem war schwer. Ich hatte wirklich keine große Überzeugungsarbeit zu leisten. Alle Schauspieler haben sich mit großer Lust in ihre Rollen geworfen und sie mit Hingabe ausgefüllt. Obwohl es Hinnerk wohl am meisten Kraft gekostet hat, sich seine Figur anzueignen. Nicht zuletzt, weil er teilweise richtig leiden musste. Ich sage nur: Haarentfernung. Und um für Hannelore zu sprechen: Sie mochte ihre Sexszene, weil sie einerseits sehr ironisch ist, andererseits aber auch eine Hommage an Nagisa Oshimas „Im Reich der Sinne“ ist. Dieser Gegensatz gefiel ihr von Anfang an.
Warum haben Sie sich für Spanien als Handlungsort entschieden, um sich dem Phänomen „All Inc.“ zu widmen?
Mich verbindet viel mit dem Land und der Sprache. Unter anderem, weil ich 1997 „Bin ich schön“ dort drehte. Mit Spanien verbinden wir Deutschen einen Mythos: Im Süden werden wir andere Menschen, lebendiger, schöner, wilder. Diese Vorstellung hat mich schon immer sehr interessiert. In den letzten Jahren kam hinzu, dass der Mythos des Südens viele geplatzte Träume mit sich brachte: Die Spanier verkauften uns die Sonne, und wir wollten sie billig, billig, billig. Dadurch haben wir die Betonisierung der Küsten mitzuverantworten.
Auch die Flüchtlingsproblematik findet kurz Erwähnung im Film. Warum „belasten“ Sie Ihre Komödie mit der Episode des afrikanischen Flüchtlings?
Weil man die Thematik einfach nicht ignorieren kann. Jeden Tag landen Menschen an den spanischen und italienischen Küsten, die als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnet werden. Das ist an sich ja schon eine Frechheit, weil jeder Mensch das Beste für sich und seine Familie möchte und dorthin strebt, wo die Bedingungen für ein gutes Leben gegeben sind. Durch unsere Flüchtlingspolitik verteidigen wir Europäer etwas, von dem wir glauben, dass es uns allein zustünde. Europa ist zu einer Festung geworden, deren Zäune und Mauern immer höher werden. Das sollte man stark in Frage stellen.
Eines Ihrer typischen Themen, das spontane Leben im Jetzt versus das durchgeplante Leben auf die Zukunft hin, spielt in „Alles inklusive“ eine wichtige Rolle. Der Konflikt zwischen den beiden Lebensphilosophien wird aber am Ende nicht aufgelöst. Warum?
Ich bin doch keine Lebensberaterin. Ich bin Zeugin, Beobachterin. Ich erzähle Geschichten.

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