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Kino : Hollywoods neuer Realismus

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Neben Fantasy und Action haben Hollywoods Produzenten seit einiger Zeit auch wahre Geschichten aus dem Leben als Quelle guter Filmstoffe entdeckt – ein Trend, den es in den 70er Jahren schon einmal gab.

Der Film „Argo“ in der Regie von Star-Schauspieler Ben Affleck erzählte 2012 im Kino die Befreiung von sechs Mitarbeitern der US-Botschaft in Teheran während der Iranischen Revolution 1979 nach – eine authentische Geschichte, die der Journalist Joshua Bearman 2007 für ein US-Magazin nochmal neu recherchiert hatte. Drehbuch, Dramaturgie und auch Inszenierung von „Argo“ waren eher sperrig; hollywoodübliche Heldenklischees und typische Spannungsbogen hatte Regisseur Affleck vermieden. Erst im Schlussteil nahm der anfangs etwas umständlich und langatmig erzählte Film Fahrt auf und wurde zu einem spannenden Thriller.

Dass das spröde Doku-Drama dann 2013 bei den hochkarätigsten US-Filmauszeichnungen, den „Golden Globes“ und den „Oscars“ so mächtig abräumen würde, damit hätte wohl kaum jemand gerechnet: „Argo“ wurde in beiden Wettbewerben zum „Besten Film“ gewählt, erhielt zudem Oscars für „Bestes Drehbuch“ und „Besten Schnitt“. Ben Affleck wurde außerdem für die „Beste Regie“ mit einem „Golden Globe“ ausgezeichnet. Und da Afflecks Film neben dem grandiosen Preisregen auch an der Kinokasse nicht ganz ohne Erfolg war, witterten manche Produzenten der großen Hollywoodstudios ein neues Erfolgsrezept, eines, das sie übrigens an frühere Zeiten erinnerte: In den 1970er Jahren hatten Regisseure wie Sidney Lumet oder Alan J. Pakula schon einmal authentische Geschichten zu packenden und höchst erfolgreichen Filmstoffen gemacht. Lumet verfilmte 1975 in „Hundstage“ die wahre Geschichte eines spektakulären Banküberfalls mit Geiselnahme im New Yorker Stadtteil Brooklyn im Jahre 1972. Der direkte Realismus seines Films war für die Hollywoodästhetik neu. Auch Regisseur Alan J. Pakula bereitete 1976 in „Die Unbestechlichen“ mit ungewöhnlichen Realismus eine authentische Geschichte auf, die 1974 die Welt bewegt und einen Präsidenten zu Fall gebracht hatte: die „Watergate-Affäre“. Lumets und Pakulas Filme, aber auch Arthur Penns „Bonnie und Clyde“ prägten eine ganz neue Strömung des Hollywoodfilms: das „New Hollywood“.

Ben Affleck knüpfte mit „Argo“ hieran an – und setzte damit einen Trend: Allein im Januar und Februar 2016 sind mit „Joy – Alles außer gewöhnlich“ von David O. Russell, Adam McKays „The Big Short“, „69 Tage Hoffnung“ von Patricia Riggen oder „Spotlight“ in der Regie von Tom McCarthy vier Filme in die Kinos gekommen, die sich auf die journalistische Recherche authentischer Ereignisse stützen oder durch Biografien realer Personen inspiriert sind.

Mit der diesjährigen „Oscar“-Verleihung für „Bester Film“ an „Spotlight“ erreicht dieser Trend nun einen weiteren Höhepunkt. Der Film stellt die wahren Ereignisse um das gleichnamige Journalistenteam der Tageszeitung „The Boston Globe“ aus dem Jahre 2001 nach. Das Team, für McCarthys Film mit Stars wie Rachel McAdams, Michael Keaton oder Mark Ruffalo besetzt, deckte damals massenhaften sexuellen Missbrauch in der Katholischen Kirche von Boston auf. Das lokale Ereignis war nur das Vorspiel für den gigantischen Pädophilie-Skandal, der wenig später in der Katholischen Kirche vieler Länder aufgedeckt wurde.

Gleichfalls ein Ereignis, das die Welt bewegte, war das Grubenunglück im chilenischen San José im Jahre 2010. Nach einem Bergschlag wurden 33 Bergleute in 700 Meter Tiefe eingeschlossen. Ein internationales Expertenteam holte sie in einer dramatischen Rettungsaktion mithilfe modernster Bohrtechnik lebendig aus dem Berg heraus. Mit Antonio Banderas und Juliette Binoche ebenfalls hochkarätig besetzt, wurde das weltbewegende Ereignis in „69 Tage Hoffnung“ von Hollywood verfilmt.

Das Bergarbeiter-Drama, aber auch die Polizei-Polit-Thrillerkomödie „American Hustle“ (2014) oder der Wall-Street-Thriller „The Big Shot“ aus diesem Kinojahr zeigen, dass die Auswahl authentischer Geschichten für Hollywoods Filme nicht nur aufgrund einer guten journalistischen Recherche geschieht, sondern dem authentischen Geschehen zumeist selbst schon ein hohes Maß an Dramatik und Konflikt innewohnen muss, um es bis auf die Leinwand zu schaffen. So liegt etwa dem neuen Film von Robert Zemeckis „The Walk“ die spektakuläre Lebensbeichte „To Reach The Clouds“ von Philippe Petit zugrunde. Der Akrobat balancierte 1974 in einer Mischung aus Hochseilakt und Kunstperformance in 400 Metern Höhe zwischen den Türmen des kurz vor der Eröffnung stehenden ersten World Trade Centers hin- und her. Zemeckis stellt Petits Aktion in seinem 3D-Film minutiös nach, wobei Petit die Filmarbeiten als Berater unterstützte und Hauptdarsteller Joseph Gordon-Levitt sogar in Hochseilakrobatik unterrichtete.

Großen Kontroversen sah sich dagegen Regie-Altmeister Clint Eastwood angesichts seiner Umsetzung der Biografie des Army-Scharfschützen Chris Kyle in „American Sniper“ (2014) ausgesetzt. Die Scharfschützen-Biografie von Kyle, der 2013 von einem Kriegsveteran ermordet wurde, löste bereits heftige Debatten in der Öffentlichkeit aus, weil sein Buch vor Feindbildern nur so strotzte und eine sehr einseitige Sicht auf den Irak-Krieg entwarf. Kyle schrieb dies wohl auch, um sein Handeln im Nachhinein moralisch zu legitimieren. Da das Buch viele sachliche Fehler enthielt, musste es für den Film deutlich verändert werden. Doch während Eastwood den Antikriegs-Charakter in seinem Film betont sah, wurde „American Sniper“ von vielen als pathetische Kriegshelden-Saga abgetan und massiv kritisiert. Filmend auf das wirkliche Leben zuzugehen, bedeutet eben auch, sich auf dessen Widersprüche einzulassen. Diese Kehrseite von Hollywoods neuem Realismus hat Eastwood bei „American Sniper“ schmerzhaft erfahren müssen. Dem Kinoerfolg hat die Debatte übrigens nicht geschadet. Im Gegenteil – schon am Startwochenende spielte der Film in den USA fast das Doppelte seiner Produktionskosten wieder ein.

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