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Indie-Helden : Highlight des Hipster-Pops: Grizzly Bear

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Die US-Band Grizzly Bear beweist stets aufs Neue, dass sich kluge, auch «schwierige» Popmusik und kommerzieller Erfolg nicht ausschließen. Mit dem fünften Album sind sie nach längerer Pause so gut wie noch nie.

svz.de von
erstellt am 21.Aug.2017 | 14:33 Uhr

Jahrelang schafften Grizzly Bear für Indiepop-Verhältnisse die Quadratur des Kreises: Sie galten als Hipster- und Kenner-Truppe, die auch mit hochkomplexer Musik die Top Ten der Albumcharts knackte. Dann kam lange nichts. Nun kehrt das US-Quartett nochmals gereift zurück.

Das fünfte Studioalbum «Painted Ruins» (RCA/Sony) ist nach fünf Jahren quasi ein kleines Comeback - und in puncto Rafinesse und Melodienreichtum die Krönung im Schaffen dieser 1999 als kleine Indie-Band gestarteten Formation aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn. Ohne konventionell auf erlösende Refrains abzuzielen, erzeugen Grizzly Bear in herrlichen Liedern wie «Four Cypresses», «Three Rings» oder «Neighbors» pure Pop-Magie.

Geschichtete Chorgesänge, nervös-verschleppte Rhythmen und vertrackte Arrangements zwischen Folk, Rock und Elektropop sind zwar seit Radiohead (mit denen sich Grizzly Bear durchaus vergleichen lassen) nichts gänzlich Neues mehr. Aber kaum eine Band malt diese Klangbilder so psychedelisch bunt und zugleich souverän wie Ed Droste (Gesang), Chris Taylor (Bass), Daniel Rossen (Gitarre, Gesang) und Christopher Bear (Schlagzeug).

«Painted Ruins» läuft zwar gelegentlich Gefahr, auf Kosten von Wärme und Zugänglichkeit schlichtweg zu intelligent und zu fordernd zu klingen. Hin und wieder würde man sich halt doch eine simple Songstruktur und den erwähnten leichten Refrain wünschen. Spätestens unter dem Kopfhörer aber macht jede Sekunde dieses Albums wieder Sinn. Ein Meisterwerk des Schlaumeier-Pops.

Darauf steuerten Grizzly Bear konsequent zu, mit den zunächst vor allem bei Kritikern staunend zur Kenntnis genommenen Einstiegsalben «Horn Of Plenty» (2004) und «Yellow House» (2006), erst recht aber mit zwei Platten, die es in den USA jeweils auf sensationelle Billboard-Platzierungen brachten: «Veckatimest» kam 2009 ohne jede Anbiederung an den Pop-Mainstream auf Platz 8, «Shields» drei Jahre später gar auf Platz 7 der Albumcharts.

Danach waren die vier Bandmitglieder ausgelaugt, die Zukunft von Grizzly Bear blieb seit 2012 diffus. Oder, wie Bassist und Produzent Chris Taylor jetzt dem «Intro»-Magazin erzählte: «Es war ausgesprochen wichtig für uns, wieder einige Zeit zu Hause zu verbringen und uns nicht nur als Musiker auf Tour zu fühlen. (...) Die zurückgewonnene Stabilität hat dazu geführt, dass wir überhaupt in der Lage waren, wieder miteinander Musik zu machen.»

Es folgten im Vorjahr gut vorbereitete Aufnahmen in Upstate New York und Los Angeles: «Wir wollten vorab sichergehen, genügend Material zusammenzuhaben, auf das wir uns alle einigen konnten, um dann zwei Wochen lang an einem isolierten und schönen Ort miteinander abzuhängen», sagte Taylor, inzwischen offenkundig die kreative Hauptfigur des in verschiedenen US-Städten lebenden Quartetts.

Er hatte zuvor ein Jahr in der deutschen Hauptstadt verbracht und dort oft den weltweit berühmten Club «Berghain» besucht. «Berlin ist etwas schwer zu knacken», bekannte Taylor im «Intro»-Interview. «Ich habe mich manchmal ein bisschen komisch gefühlt, als ich dort gelebt habe, aber gleichzeitig hat dieser kleine Kampf mich sehr bereichert und meine Liebe zu Berlin intensiviert.»

Als während der Arbeiten an «Painted Ruins» Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wurden, warfen die vier Musiker alle Schöngeistigkeit über Bord. Auf ihrer Facebook-Seite posteten sie unter anderem: «The hate our country voted for is truly saddening» («Der Hass, für den sich unser Land entschieden hat, macht wirklich traurig.») Die Folge war ein Shitstorm von Trump-Wählern, der die vier Männer zusätzlich zusammenschweißte.

Auch heute noch macht Gitarrist Rossen deutlich, dass Grizzly Bear vielleicht keine explizit politische Band sind, aber die besorgniserregenden Ereignisse in den USA deutlich kommentieren wollen: «Alle versuchen, hoffnungsvoll zu bleiben, aber am liebsten würde ich die Zähler auf Null zurückdrehen», sagte er dem «Intro».

Und Taylor ergänzte: «Die momentane politische Situation in den USA ist ein gottverdammtes Desaster. (...) Man muss dem ganzen Wahnsinn irgendeine Form von positiver Energie entgegensetzen.» Mit den elf tollen Songs von «Painted Ruins» ist den Grizzlybären genau das geglückt.

Einziges Deutschland-Konzert 2017: 12.10. Berlin, Columbiahalle

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