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Start der Fastenzeit : Heute beginnen die mageren Zeiten

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Aus der Onlineredaktion

Für Gott oder die Gesundheit: Fasten wird immer beliebter. Bis Ostern wollen viele auf liebgewonnene Dinge verzichten – auch wenn es nur Süßes ist

svz.de von
erstellt am 01.Mär.2017 | 11:55 Uhr

Manchmal bleibt es nur ein guter Vorsatz und auch die Zahl der Abbrecher ist unbekannt: Doch am Aschermittwoch sind die fetten Zeiten für viele Menschen in Deutschland erst einmal vorbei.

Bis Ostern heißt es fasten, was allerdings mehr oder weniger streng ausgelegt wird. Nach einer aktuellen Forsa-Umfrage für die Krankenkasse DAK ist zumindest mehr als die Hälfte der Deutschen (55 Prozent) vom Fasten überzeugt. 15 Prozent halten einen Verzicht auf bestimmte Genussmittel und Gewohnheiten aus gesundheitlicher Sicht sogar für „sehr sinnvoll“, 40 Prozent immerhin noch für „sinnvoll“. Fastenmuffel sind 42 Prozent der Befragten.

Der Brauch des Fastens ist Jahrtausende alt. Zum einen kann er zeitweiligen Verzicht auf Nahrung oder deren Reduzierung bedeuten. In einigen Kulturen geht es darum, bestimmten Speisen wie Fleisch oder Fisch ständig oder vorübergehend zu entsagen. Die Gründe sind so vielfältig wie die Möglichkeiten des Verzichts. Den einen dient er als Vorbereitung auf religiöse Feste und Riten. Andere wollen damit den Körper „reinigen“ oder per Fasten-Askese Willenskräfte bündeln.

Zudem wird die Enthaltsamkeit als Medium verstanden, Zustände der Ekstase und damit den Kontakt zum Göttlichen herzustellen.

Bei den großen Weltreligionen ist Fasten meist an bestimmte Tage oder Perioden gebunden. Der Islam verlangt es im Ramadan, dem neunten Monat des muslimischen Mondjahres. Eine besonders strenge Auslegung schreibt der Buddhismus vor: Die meisten buddhistischen Mönche nehmen das ganze Jahr über nur eine Mahlzeit am Vormittag ein. Im Alten Testament galt Fasten als Akt der Demut und Buße. Eine solche Askese sollte Vollkommenheit bringen und den zornigen Gott gnädig stimmen. Das junge Christentum übernahm den Brauch und modifizierte ihn. Bei den Katholiken gelten die Wochen vor Ostern als Fastenzeit.

Tipp: Langsam einsteigen

Wer auf feste Nahrung verzichten möchte, sollte langsam einsteigen, rät Rainer Matejka von der auf Naturheilverfahren spezialisierten Malteser Klinik von Weckbecker. Am besten trinkt man schon in den zwei bis drei Tagen vorher keinen Kaffee und schwarzen Tee mehr und stellt die Ernährung auf leicht verdauliche Speisen wie Kartoffeln, Hirse oder Vollkornreis um. Fleisch und Wurst sollten nicht mehr gegessen werden. So fällt die Umstellung leichter.

Menschen, die krank sind oder regelmäßig Medikamente einnehmen, sollten vorher mit dem Arzt besprechen, ob sie fasten dürfen und was dabei zu beachten ist. In dem Fall verzichtet man lieber unter ärztlicher Aufsicht auf Essen.

Kann man aus gesundheitlichen Gründen nicht richtig fasten oder lässt sich der komplette Nahrungsverzicht nicht mit dem eigenen Alltag vereinbaren, kann man sich auch vornehmen, einfach etwas gesünder zu leben. Matejka schlägt vor, auf Zucker, Fett, Kaffee oder Zigaretten zu verzichten. Das sei auch ein guter Anlass, sich mehr Pausen zu gönnen, öfter mal spazieren zu gehen oder eine neue Entspannungstechnik zu lernen. Idealerweise ist das Fasten dann ein Einstieg in eine insgesamt gesündere Lebensweise, erklärt Matejka.

 

Doch auch Atheisten „solidarisieren“ sich in dieser Zeit gern mit den Christen. Sie halten aus gesundheitlichen Erwägungen Maß, wollen ihrem Körper einfach mal was Gutes tun. Forsa fragte bei der jüngsten Erhebung auch nach, auf was die Fastenwilligen am ehesten verzichten wollen. Am häufigsten wurden Alkohol (68 Prozent) und Süßigkeiten (59 Prozent) genannt. Fleisch (39) folgt an dritter Stelle vor Fernsehen und Rauchen (je 34). Etwa jeder Fünfte (18 Prozent) will am ehesten das Auto in der Garage lassen. Fast ein Viertel der Betroffenen (23 Prozent) gab eine abgespeckte Nutzung von Computer & Co an.

Experten plädieren für den Verzicht auf Alkohol oder Fleisch aus gesundheitlichen Erwägungen. „Natürlich macht das Sinn. Es senkt die Harnsäure und Cholesterinwerte, der Blutzucker reguliert sich und das Geschmacksempfinden verbessert sich“, erklärt die Chemnitzer Ernährungsberaterin Candy Cermak. Die Alkohol-Abstinenz führe zu einer Entgiftung des Körpers. In der Fastenzeit könne man sich wieder mehr auf das Wesentliche konzentrieren – auf sich, die Familie oder ein gutes Buch. Cermak spricht von Entschleunigung. Zudem gebe es einen schönen Nebeneffekt: „Meist purzeln auch noch ein paar Pfunde.“

Ein Risiko birgt die plötzliche Umstellung der Ernährungsgewohnheit aus Sicht von Cermak nicht. Wer wie beim Heilfasten aber komplett auf feste Nahrung verzichten wolle, solle das unbedingt unter Aufsicht eines Fastentrainers tun: „Am besten, man nimmt sich dafür Urlaub, eine Auszeit ohne Ablenkung.“ Generell gelte in der Fastenzeit eine ausgewogene und abwechselungsreiche Ernährung – dann fehle es auch nicht an den benötigten Nährstoffen. Das Eisen im Fleisch könne man beispielsweise mit pflanzlichen Lebensmitteln kompensieren: „Riskant sind dagegen Crash-Diäten und einseitige Ernährung.“

„Ja, man braucht eine Eingewöhnungszeit und Willensstärke, denn die Verführung lauert überall“, berichtet Claudia Szymula, Sprecherin der Krankenkasse Barmer in Sachsen, von Erfahrungen in ihrer Familie. In den ersten Tagen sei der Drang groß, in die alten Gewohnheiten zurückzufallen. Es helfe aber, wenn dann die anderen einen an die guten Vorsätze erinnern: „Fasten in der Gruppe ist leichter.“ Nach geraumer Zeit werde der Verzicht immer einfacher: „Gleichzeitig hatten wir alle nach der bestandenen Fastenzeit ein stolzes Gefühl, es geschafft zu haben. Ganz nach dem Motto: Wenn ich nur will, kann ich alles ändern.“

Infografik: So fasten die Deutschen | Statista Mehr Statistiken finden Sie bei Statista 

Stichwort: Aschermittwoch und Passionszeit

Mit dem Aschermittwoch am 1. März beginnt die rund 40-tägige Fasten- oder Passionszeit vor Ostern. Sie endet am 16. April. Der Verzicht auf Speisen und Getränke wie Fleisch und Wein oder auch auf den Fernsehkonsum gilt als Symbol der Buße und der spirituellen Erneuerung.

 In den sieben Wochen vor dem Osterfest nehmen sich viele Christen zudem mehr Zeit für Ruhe, Besinnung und Gebet, um sich selbst und Gott näherzukommen.

In der katholischen Kirche zeichnet der Priester am Aschermittwoch ein Aschekreuz als Symbol der geistigen Reinigung und der Vergänglichkeit auf die Stirn der Gottesdienstbesucher. In der evangelischen Kirche beteiligen sich inzwischen rund drei Millionen Menschen an der Fasteninitiative „7 Wochen Ohne“, um aus gewohnten Konsum- und Verhaltensweisen auszusteigen und neue Lebensziele zu finden. In diesem Jahr steht sie unter dem Motto „Augenblick mal! Sieben Wocnen ohne Sofort“.

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